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TV-Leser singen beim Workshop im TV-Druckhaus

Singen : Bitte atmen Sie ein! - TV-Leser singen beim Workshop im TV-Druckhaus

Der eigenen Stimme zuhören, sich wahrnehmen, mit anderen singen und dabei ein gemeinsames Werk erschaffen: Im Druckhaus des Trierischen Volksfreunds haben Leser einen Workshop erlebt, den sie so schnell nicht wieder vergessen werden.

Sonderbare Klänge erfüllen das Druckhaus des Trierischen Volksfreundes. „IIIIIIIIIIIIIIIIhhhhhhh“. Der Ton schwillt an, und er schwillt ab. Sirenenhaft. Ein Chor aus Meerjungfrauen scheint zu singen. Minutenlang. Dann bricht er abrupt ab. „Schön“, sagt Diplom-Gesangspädagogin Claudia Glesius zufrieden. „Machen wir weiter.“

Zu diesem Zeitpunkt haben die etwa 25 Teilnehmer des Singen-Workshops, zu dem der Trierische Volksfreund eingeladen hatte, schon einige Übungen hinter sich. Ohne Noten und ohne Textzettel. Claudia Glesius verfolgt damit ein ganz bestimmtes Ziel.

„Wir wollen heute versuchen, zu hören.“ Denn das Hörerlebnis in dieser Kulisse mit großen Papierrollen für die Zeitung von morgen, Gabelstaplern und der riesigen Druckmaschine Cortina ist ausgesprochen ungewöhnlich. Daher lassen sich die Teilnehmer neugierig auf das Experiment ein.

 Singen Logo Serie
Singen Logo Serie Foto: TV/Schramm, Johannes

Atmen. „Richtiges Atmen ist wichtig beim Singen“, erklärt Claudia Glesius „Stellen sie sich vor, sie pusten die Wärme weg. Legen Sie die Hände auf den Bauch. Beim Einatmen geht die Luft rein, beim Ausatmen raus.“ Was so banal klingt, ist tatsächlich Dreh- und Angelpunkt beim Singen. Wer nicht vollständig einatmet, kann seine Stimme – beim Ausatmen – nicht fließen lassen. „Ffffffffffff, sssssss, schschsch...“. Es zischt und hisst, während die Teilnehmer in der Druckhalle umhergehen – die meisten noch etwas befangen. „Fast wie beim Yoga“, stellt eine Sängerin treffend fest. Und genau wie dort sind es überwiegend Frauen, die an diesem Nachmittag ihre Stimme ausprobieren oder neu entdecken wollen. „Jetzt nehmen wir die Stimme dazu“, kündigt die Gesangslehrerin an. „Denken Sie daran, es gibt heute kein richtig oder falsch. Wir versuchen, die Stimme in den Raum zu schicken.“

Einsingen. Phase zwei. „Singen Sie Ihren Lieblingsvokal und ihren Lieblingston. Dann wechseln sie auf einen anderen Vokal, auf einen andern Ton.“ Ein Klangband entsteht, es changiert, wirkt mal dunkler, mal heller. Die Sänger werden hörbar mutiger und entspannter. „M-A-U-I“, intonieren sie in der nächsten Übung und „HI-LA-RY“, dann „Singen OHO“. Jetzt sind sie angekommen. Sie bewegen sich beim Singen, lächeln, scherzen. Die Schüchternheit ist weg, das Eis gebrochen.

Singen Weil es schwierig war, die Zusammensetzung der Gruppe vorab einzuschätzen, hat Claudia Glesius einfache Kanons und Lieder vorbereitet. Deren Schwierigkeitsgrad passt sie während des Workshops unmerklich dem Niveau der Gruppe an.  „Kennen Sie den Kanon ,Hejo, spann den Wagen an’?“, fragt sie. Alle nicken. Der Tipp von Profi Glesius: Einen guten Stand finden, in den Bauch atmen und dann die Stimme in den Raum schicken. Es funktioniert. Die Lehrerin ist begeistert. „Darf ich mal fragen, wer im Chor singt?“, unterbricht sie. Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus: Noch nie, früher mal, jetzt nicht mehr oder ja als Kind. „Wir sollten den Druckhallen- oder TV-Chor gründen“, scherzt eine Teilnehmerin. Eine gute Idee.

Doch bevor es so weit ist, übt Glesius noch ein paar andere Stücke ein. Sie teilt drei Gruppen ein: in Mangos, Kiwis und Ananas-Banane. Jede Einheit singt ihre kleine Melodie im exakten Rhythmus: Mango, Mango, Kiwi, Kiwi, Ananas-Banane. Ergebnis: Ein musikalischer Fruchtcocktail.

Motivation. Was hat diese Menschen eigentlich dazu bewegt, an so einem heißen Sommertag zu singen, anstatt sich auf die kühle Terrasse zu setzen und ein kaltes Fußbad zu genießen? „Singen macht Spaß“, sagt Ursula Wüst aus Trier. „Ich habe lange Jahre im Chor der städtischen Musikschule Trier gesungen. Dann habe ich aufgehört. Ich wollte heute meine Stimme noch einmal testen.“ Auch Heike Müller aus Manderscheid verfolgt ein konkretes Ziel mit dem Workshop. „Ich habe bisher nur in Projektchören gesungen. Ich wollte hier erneut singen und mal sehen, ob ich in einen anderen Chor gehe.“ Eine kleine Überraschung werden die Schüler von Joachim Buck im nächsten Schuljahr erleben. „Ich bin Grundschullehrer in Butzweiler und singe gerne. Ich nehme mir hier was für den Unterricht mit. Die Einsingübungen zum Beispiel.“

Schlusschor. Noch ein paar Lieder hat Claudia Glesius im Köcher. Ein Quodlibet zum Beispiel, ein Musikstück, in dem voneinander unabhängige Melodien zu einem Tonsatz zusammengeführt werden. Glesius kombiniert für ihre Schüler die Volkslieder „Es tönen die Lieder“ mit „Kommt ein Vogel geflogen“ mit einem rhythmischem „Hum-ta-ta“-Klangteppich. Statt Kakophonie baut sich Harmonie auf. Die Teilnehmer haben Blut geleckt, folgen willig den Anweisungen und merken dabei vielleicht gar nicht, wie sie immer komplexere Lieder singen. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Ein letztes Lied. Und danach ein aller-allerletztes Lied. Claudia Glesius hat es mit Bedacht gewählt: „Ich bin so glücklich, lasst uns den Tag genießen, ich bin so glücklich, singen macht froh.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Da capo? „Wann gibt es den nächsten Workshop?“, fragten die Teilnehmer am Ende. Tatsächlich ist eine Wiederholung nicht ausgeschlossen. Wenn es so weit ist, erfahren Sie Zeit und Ort im Trierischen Volksfreund.