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TV-Serie Abenteuer Archäologie: Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Im 7. Jahrhundert schlossen Frauen ihren Umhang nach mediterranem Vorbild mit einer Fibel. Diese Goldscheibenfibel aus einem Frauengrab trägt das christliche Kreuz – und offenbart den Reichtum der Besitzerin. Die farbigen Einlagen sind aus Glas.
Im 7. Jahrhundert schlossen Frauen ihren Umhang nach mediterranem Vorbild mit einer Fibel. Diese Goldscheibenfibel aus einem Frauengrab trägt das christliche Kreuz – und offenbart den Reichtum der Besitzerin. Die farbigen Einlagen sind aus Glas. FOTO: (g_kultur
Münstermaifeld. Unsere germanischen Vorfahren an Mosel, Saar und Rhein entdeckten das Christentum fast zwei Jahrhunderte nach den Römern. Der Heidenkult hielt sich aber noch lange danach. Das kann man anhand eines Gräberfelds in Münstermaifeld in der Eifel ablesen. Die Landesarchäologie hat dort insgesamt 550 Gräber freigelegt. Anne Heucher

Münstermaifeld Poch - poch - poch. Leise und pausenlos dringt das Geräusch ins Ohr des Besuchers. Ein Herzschlag vom Tonband, der sich gegen das Surren der Klimaanlage behauptet. Wir stehen mitten im Friedhof - die Herzen derer, die hier liegen oder lagen, haben längst ausgepocht. Die meisten Toten, die Archäologen hier in Münstermaifeld (Kreis Mayen-Koblenz) ausgegraben haben, sind inzwischen fort - in Laboren oder Lagerräumen, wo sie untersucht werden sollen. Einige aber sind hier geblieben, zumindest als Nachbildung, und vermitteln den Besuchern einen Eindruck von der über 1300-jährigen Bestattungskultur zwischen der frühen Germanenzeit und dem 19. Jahrhundert.
Insgesamt 550 Gräber haben die Experten des Landes hier gefunden, 50 davon enthielten Beigaben, die die Angehörigen den Toten einst mitgaben auf die Reise ins Jenseits. Diese Gräber müssen aus einer Zeit stammen, als die christliche Religion sich noch nicht vollends durchgesetzt hatte und die Menschen noch an früheren Vorstellungen vom Leben nach dem Tod festhielten.

Als im Jahr 2008 der Kirmesplatz vor der Kirche erneuert werden sollte, stießen Arbeiter auf die ersten Gräber. "Schon 30 Zentimeter unter dem Pflaster kamen die ersten Skelette zum Vorschein", erinnert sich Matthias Hochhausen, Stadtführer in Münstermaifeld. Er hat die Grabung intensiv mitverfolgt. In bis zu zehn Schichten kamen immer neue Gräber und immer ältere Funde ans Tageslicht. 2010 hatte das Grabungsteam um den Archäologen Dr. Cliff Alexander Jost von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) in Koblenz einen Querschnitt durch rund 1300 Jahre Bestattung freigelegt. Vieles wurde eingegipst geborgen und harrt noch der Untersuchung. Auch wenn längst noch nicht alle Funde aufgearbeitet sind, gibt ein kleines archäologisches Museum vor Ort schon heute einen Einblick in die Fundstelle. Neben Originalstücken zeugen Repliken von den Funden und der Grabungssituation.

So viel steht heute schon fest: Das Außergewöhnliche des Fundortes ist, dass er unangetastet blieb, wie Jost erklärt. Weder die zeitgenössischen Grabräuber noch die im 19. Jahrhundert in der Region sehr aktiven Schatzsucher haben das Gräberfeld in Münstermaifeld geplündert. Ein Glücksfall für die Forscher, die deshalb einige neue Erkenntnisse gewinnen konnten. Zum einen geben die Funde Einblick in die soziale Stellung der Toten. Zum anderen erzählen die Beigaben in den älteren Gräbern einiges über die weitreichenden Handelsbeziehungen bis in den Mittelmeerraum. Zudem geben die Funde Aufschluss über die langsame Christianisierung der Germanen und das Nebeneinander von christlich-römischer und germanisch-heidnischer Religion.

Was ausgegraben wurde: Wer in das über 1000-jährige Totenreich an der Kirche in Münstermaifeld hinabsteigt, entdeckt alte Waffen, Schwerter, Lanzen, Schilder, Reitzubehör, Werkzeuge, Alltagsgegenstände wie Trinkgefäße oder bronzenes Geschirr sowie vielfältigen Schmuck, teils aus Gold oder Silber, teils aus Glas. Die ältesten Gräber stammen laut Jost aus der Zeit vor 600 n.Chr. Etwa 70 Gräber gehen zurück auf die Merowinger (herrschten ca. von 450 bis 750), 50 von diesen weisen Beigaben auf - ein Indiz dafür, dass sich die jungen Christen keineswegs von heute auf morgen von ihren germanischen Jenseits-Vorstellungen und Ritualen der Bestattung gelöst haben. "Das war ein Prozess von etwa 100 Jahren", so Jost.

Eigentlich war es mit dem Glauben an die Auferstehung nicht mehr notwendig, den Verstorbenen kostbare weltliche Grabbeigaben und Statussymbole mit ins Grab zu geben. Trotzdem bestatteten die Franken bis etwa um das Jahr 700 ihre Toten in reicher Tracht, mit Schmuck, Wegzehrung, Waffen und Gegenständen, die sie vielleicht hätten gebrauchen können. Mancher Tote hatte noch eine Goldmünze im Mund - gedacht nach antikem Brauch als Fährgeld für die Überfahrt über den Totenfluss.

So viele Beigaben wie in Münstermaifeld hat man seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr in der Region gefunden. Ein Toter zum Beispiel war mit einem kompletten Pferdegeschirr beigesetzt worden, von dem zwar Teile wie Lederriemen verrottet sind - deren Existenz man aber anhand der Fundstelle genau rekonstuieren kann. Diese Erkenntnisse waren nur möglich, weil keine Grabräuber die Fundstelle verändert hatten. In einem Frauengrab fanden die Archäologen eine Fibel mit der Abbildung eines Reiters zu Pferd, mit Palmwedel und Kreuz als christlichen Symbolen sowie einem Vogel daneben, der an den germanischen Gott Odin erinnert, der häufig als Reiter und mit einem seiner Raben abgebildet wurde (siehe Foto oben).

Wie lebten die Franken? Als die Römer unsere Region vor 1600 Jahren verließen, war die Gegend keineswegs entvölkert. Viele blieben hier an der Mosel, in der Eifel, der Pfalz oder am Rhein. Während sich in den Städten wie Trier oder Mainz noch viele Romanen, die Erben der Römer, hielten und sich mit den fränkischen Herrschern arrangierten, waren die Siedlungen auf dem Lande meist fränkische Gründungen.

Ihren bäuerlichen Orten gaben die Merowinger Namen, die auf -heim, -dorf und -ingen enden. Um das Jahr 500 trat der erste Frankenkönig, der Merowinger Chlodwig, zur römischen Religion über, dem Christentum. Die Bewohner seines Reiches betrieben Landwirtschaft, lebten in Holzhäusern. Dass man bei der Grabung in der Eifel keinerlei Tierknochen gefunden hat, deutet darauf hin, dass tote Tiere komplett verwertet wurden, erklärt Stadtführer Hochhausen.

Die Funde lassen auf eine wohlhabende Oberschicht unter den Bürgern schließen, darunter bewaffnete Reiter. Vieles deutet auch auf Handelsverbindungen in den Mittelmeerraum hin. Die Forscher nehmen an, dass es ein Vertreter der Führungsschicht gewesen ist, der als früher Christ auf dem bestehenden Friedhof mit seiner eigenen Grabkapelle oder einer kleinen Holzkirche den Ursprungsbau unter der heutigen St. Martinskirche angelegt hat.

Wo liegen die Spuren der Merowinger heute? Während wir heute in Städten wie Trier an jeder Ecke über Zeugnisse eines blühenden kulturellen Lebens der Römer stolpern können, liegt das Leben der Nachfolger ziemlich im Dunkeln. "Die Archäologie des frühen Mittelalters ist eine Archäologie der Gräber", erklärt Jost. Das bedeutet: Fast alle Funde der Merowinger sind Grabfunde. Dass ihre Spuren heute weniger präsent erscheinen, liegt laut Jost auch daran, dass die Merowinger direkt unter unseren heutigen Orten schlummern. Man gräbt ihr Erbe nicht aus, weil man direkt darauf gebaut hat. Oder man hat es zerstört, als man darauf gebaut hat. Römische Stadtvillen hingegen lagen oft außerhalb einer Siedlung. Ein weiterer Grund für die relativ geringe Präsenz der Merowinger im heutigen Bewusstsein ist, dass die Franken ihre Gebäude statt aus Steinen aus Holz bauten. Und das ist vergänglich.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Grabung läuft noch, wie Jost versichert. Aber auch nach ihrem Abschluss wird das Ergebnis vorläufig sein. Denn die Archäologen sind nur an einer Seite auf den Rand des Gräberfeldes gestoßen. Es gibt also weitere Gräber - unter der Kirche. Für künftige Generationen bleibt zum Erforschen genug übrig.Extra: HIER GIBT’S MEROWINGISCHE GRÄBERFELDER


In diesen Orten in der Region wurden merowingische Gräberfelder entdeckt: Kastel/Saar, Wincheringen, Nittel, Tawern, Langsur, Wintersdorf, Minden, Eisenach, Welschbillig, Olk, Newel, Bitburg, Rittersdorf, Oberweis, Schankweiler, Spangdahlem, Hohenfels, Hillesheim, Ehrang, Mehring, Neumagen und Trier. Das Archäologische Museum in Münstermaifeld präsentiert im Gewölbekeller der alten Propstei Funde und Repliken des vor Ort entdeckten Gräberfelds. In dem historischen Gebäude am Münsterplatz sitzt auch die Tourist-Information. Die Öffnungszeiten bis Ende Oktober sind: mittwochs, donnerstags, samstags, sonn- und feiertags 10 bis 13 und 14 bis 16.30 Uhr, freitags 10 bis 14 Uhr. Von November bis Ostern gelten die Winteröffnungszeiten: mittwochs und freitags 10 bis 14 Uhr, donnerstags 12 bis 16 Uhr. Weitere Informationen auf www.maifeldurlaub.de/museenExtra: TV-SERIE: SO GEHT’S WEITER


Im vorigen Teil unserer Serie "Abenteuer Archäologie" haben wir den rätselhaften "Schatz" von Rülzheim in der Pfalz vorgestellt. Im nächsten Teil unserer Serie geht es um Funde aus dem Schutt des Zweiten Weltkriegs in der Trierer Straße Weberbach. Texte, Videos und Fotos unter www.volksfreund.de/vorzeiten Zum 70. Geburtstag des Landes zeigt eine große Ausstellung in Mainz die Bandbreite dessen, was die heimischen Altertumsforscher in den vergangenen sieben Jahrzehnten entdeckt haben. "vorZEITEN" - Archäologische Schätze an Rhein und Mosel" ist der Name der Schau, die noch bis zum 29. Oktober im Landesmuseum in Mainz zu sehen ist und die einen Streifzug durch 800 000 Jahre Menschheitsgeschichte verspricht. Infos: www.vorzeiten-ausstellung.de

Mit der Friedhofsruhe ist es vorbei: Bei dem hier freigelegten Grab kommt das Skelett einer Frau aus dem 7. Jahrhundert mit großen Ohrringen zu Vorschein. Sie trug zwei gleicharmige Bügelfibeln, Fingerring und Messerklinge bei sich.Fotos (4): Generaldirektion kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz
Mit der Friedhofsruhe ist es vorbei: Bei dem hier freigelegten Grab kommt das Skelett einer Frau aus dem 7. Jahrhundert mit großen Ohrringen zu Vorschein. Sie trug zwei gleicharmige Bügelfibeln, Fingerring und Messerklinge bei sich.Fotos (4): Generaldirektion kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz FOTO: (g_kultur
Diese sogenannte Pressblechfibel stammt aus dem Grab einer älteren Dame im 7. Jahrhundert. Neben christlichem Kreuz und Palmwedel enthält es heidnische Symbole. Der Reiter erinnert Experten an einen germanischen Gott, der häufig mit einem Raben abgebildet wurde.
Diese sogenannte Pressblechfibel stammt aus dem Grab einer älteren Dame im 7. Jahrhundert. Neben christlichem Kreuz und Palmwedel enthält es heidnische Symbole. Der Reiter erinnert Experten an einen germanischen Gott, der häufig mit einem Raben abgebildet wurde. FOTO: (g_kultur
Auf der anderen Seite dieser Kirche St. Martin wurde das Gräberfeld entdeckt. Experten gehen davon aus, dass sie auf einem frühmittelalterlichen Vorgängerbau steht, an dem auch bestattet wurde. TV-Foto: Anne Heucher
Auf der anderen Seite dieser Kirche St. Martin wurde das Gräberfeld entdeckt. Experten gehen davon aus, dass sie auf einem frühmittelalterlichen Vorgängerbau steht, an dem auch bestattet wurde. TV-Foto: Anne Heucher FOTO: (g_kultur
Dies sind die Überreste aus dem Grab einer Frau, die zwischen den Jahren 650 und 700 in Münstermaifeld beigesetzt worden ist – offenbar eine reiche Hofherrin, die im Alter von 20 bis 30 Jahren gestorben ist. Die Archäologen sind froh, dass das Grab völlig unangetastet geblieben ist, so dass sie aus der Lage der Kleider- und Schmuckreste wertvolle Erkenntnisse über die gesellschaftliche Stellung der Verstorbenen und die Kleidung und Tragweise in merowingischer Zeit gewinnen konnten. Am Kopf der Frau haften noch der silberne Ohrring und eine Kette. Die goldene Scheibenfibel (eine Gewandschließe), das Ziergehänge mit Glasperlen, die prächtige Gürtelgarnitur und zwei Bronzeringe deuten auf den hohen sozialen Rang der Frau (Grab 108).
Dies sind die Überreste aus dem Grab einer Frau, die zwischen den Jahren 650 und 700 in Münstermaifeld beigesetzt worden ist – offenbar eine reiche Hofherrin, die im Alter von 20 bis 30 Jahren gestorben ist. Die Archäologen sind froh, dass das Grab völlig unangetastet geblieben ist, so dass sie aus der Lage der Kleider- und Schmuckreste wertvolle Erkenntnisse über die gesellschaftliche Stellung der Verstorbenen und die Kleidung und Tragweise in merowingischer Zeit gewinnen konnten. Am Kopf der Frau haften noch der silberne Ohrring und eine Kette. Die goldene Scheibenfibel (eine Gewandschließe), das Ziergehänge mit Glasperlen, die prächtige Gürtelgarnitur und zwei Bronzeringe deuten auf den hohen sozialen Rang der Frau (Grab 108). FOTO: (g_kultur