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TV-Serie Kultur Corona Kulturförderung Gastbeitrag Tobias Scharfenberger

Gastbeitrag : „Eine riesige Chance: Nutzen wir sie!“

Worin besteht der Wert der Kultur? Was meinen wir, wenn wir von Kultur reden? Unterhaltung, Freizeitbeschäftigung? Oder ein Stück Identität und wesentliche Stütze der Gesellschaft? Was ist uns Kulturförderung wert? Fragen, die die Pandemie hervorruft, denn durch die Krise steht ein Großteil der Branche auf dem Spiel. In einer neuen Serie lässt der TV Kulturmacher aus der Region zu Wort kommen. Tobias Scharfenberger, geschäftsführender Intendant beim Mosel Musikfestival, macht den Anfang. Er ist überzeugt davon, dass es ein Zurück zur Kulturförderung wie vor der Krise nicht geben wird.

Der Artikel „Lichtblick oder rausgeschmissenes Geld?“ von Alexander Schumitz im TV vom 13. Februar gab den Anstoß zu diesen Gedanken. Zunächst war ich darüber empört, dass ein Journalist die Frage aufwarf, ob eine Landesförderung für einen privaten Kulturunternehmer der Region in der gegenwärtigen Situation nicht eigentlich „rausgeschmissenes Geld“ sei. In meiner Wahrnehmung schien sie lediglich in einem eigenartigen Verständnis von Investigativ-Journalismus einem vermeintlichen Skandal auf der Spur zu sein. Empört war ich aber auch deshalb, weil zur selben Zeit 20 Wissenschaftler:innen und Vertreter:innen von 40 Institutionen, darunter der DFB, der Deutsche Bühnenverein, Festivals wie Wacken oder kulturelle Schwergewichte wie die Berliner Philharmoniker und die Berliner Volksbühne zusammen an einem Stufenplan arbeiteten, wie Theater, Opernhäuser, Festivals, Hallen, Stadien und Arenen Veranstaltungen jedweder Art wieder möglich machen können – ein Schulterschluss, wie er vor der Pandemie nicht im kühnsten Traume denkbar gewesen wäre.

Während die einen genreübergreifend erkannt hatten, dass alle „Veranstalter“ gerade in einem sehr sinkenden Boot sitzen, wenn sie nicht selber schnellstmöglich Visionen und Konzepte entwickeln, wie es in und nach einer Pandemie weitergehen kann und diese den politischen Entscheidungsträgern vorlegen, ging ein anderer im Kulturteil einer Tageszeitung hin und vergrößerte scheinbar lustvoll das Leck. Wie konnte das sein, wo gerade einer aktuellen Prognos-Studie zufolge einer der größten Verlierer der Pandemie die darstellenden Künste und die Kultur mit Umsatzverlusten von bis zu 85 (!) Prozent sind?

Kann es nicht auch sein, dass wir viel zu wenig über tatsächliche Kosten, Planungszeiträume, Arbeitsabläufe, Strukturen, Abhängigkeiten von ganz unterschiedlichen Branchen im Kulturbusiness wissen? Die aus meiner Sicht leichtfertige Verwendung von Worten, Sätzen, Begrifflichkeiten und Formulierungen wie „rausgeschmissenes Geld“, „kommerziell aufspielende Profis, die in dieser Krise mit ihren Projekten Geld verdienen“ legt das nahe. Aber auch der Glaube, es „fließen häufig Ein­nah­men von Spon­so­ren“ und die immer noch gerne und schon vor der Pandemie von Gesprächspartnern jedweder Art und Bildung ernsthaft gestellten Fragen „Was machen Sie eigentlich tagsüber oder wenn kein Festival ist?“ offenbaren akuten Klärungsbedarf.

Allzu gerne haben wir uns hinter schöner Kunst oder dem Event versteckt und dabei zu wenig informiert, was wir tun und in welchen Prozessen wir es tun. Nach wie vor wird in der öffentlichen Wahrnehmung der Glamour auf der Bühne und der Premierenfeier allzu leicht mit dem wahren Leben gleichgesetzt. Man weiß zu wenig von der Tänzerin, dem jungen Schauspieler oder den Musicaldarsteller:innen und Jazzern, den vielen und hervorragenden Dienstleistern backstage, die allesamt hart arbeiten, um das Außergewöhnliche zu realisieren und zum Teil doch nur am untersten Rande der Einkommensskala leben.

Noch immer herrscht weitgehende Ahnungslosigkeit darüber, wie hoch die tatsächlichen Kosten einer qualitativ hochwertigen Kulturveranstaltung sind und wie viele Menschen und Gewerke an deren Realisierung mitarbeiten. Und natürlich wird eine ausverkaufte Vorstellung immer mit dem großen Reibach gleichgesetzt. Eine angemessene Gage für Künstler – muss das sein? Schließlich üben sie ihre Berufe ja gerne und sogar mit Leidenschaft aus – verdächtig - und haben wohlmöglich gar ihr ehemaliges Hobby zum Beruf gemacht.

Noch immer wird auch im genannten Artikel in Kategorien von U und E, in „kommerziell“ = böse und nicht förderungswürdig sowie „öffentlich gefördert“ = gut und förderungswürdig gedacht. Tatsache ist jedoch, dass so etwas wie Pop, Jazz, Rock oder Musical längst zum „kulturellen Kanon“ gehören und wir seit vielen Jahren Studiengänge für diese Musikrichtungen an Staatlichen Hochschulen anbieten. Nicht nur deren Absolventen gehen gerade jetzt einer sehr ungewissen Zukunft entgegengehen. Tatsache ist ebenso, dass einige der besten Spezialensembles für Barockmusik, Kammerorchester oder Ensembles für zeitgenössische Musik, die mit innovativen Konzepten und Programmen die Branche voranbringen, freie Kulturunternehmen sind, die Gewinne erwirtschaften müssen, um neue Konzertprojekte realisieren und ihre Mitglieder bezahlen zu können.

Ein privatwirtschaftlich agierender Kulturbetrieb wie z.B. die im Artikel erwähnte Schwab Entertainment GmbH, aber auch eine Vielzahl von Musikfestivals (wir haben weit über 600 alleine in Deutschland, viele von ihnen abseits der Ballunsgzentren als wichtiger Kulturanbieter im ländlichen Raum) können seit März 2020 eigentlich kaum mehr Einnahmen generieren. Veranstaltungsverbote oder aber das drastisch limitierte Platzangebot machen einen auch nur in Ansätzen wirtschaftlichen Betrieb unmöglich. An große Musical- und Showproduktionen, wie sie von einer solchen Firma geplant, produziert und vorfinanziert werden, ist nicht zu denken. Aber auch aufwendige Opernproduktionen oder große Tourneen von Orchestern, berühmten Ensembles und Solisten sind davon ganz genauso betroffen. Kaum jemandem ist bewusst, dass Spielpläne an großen Opern- und Konzerthäusern oder Festivals Planungszeiträume von bis zu fünf Jahren haben können. Werden solche Produktionen dann Hallen und Gastspieltheater, Konzertsäle oder Festivals „verkauft“, muss eine Mindestmenge an Aufführungen und verkauften Tickets zustande kommen, um allseits einen sogenannten „break even“ zu erreichen, bevor damit tatsächlich Geld verdient wird.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht nur die Saison 2020, sondern auch die Spielzeiten 2021 und in Teilen auch 2022 aus künstlerischer und wirtschaftlicher Sicht schon jetzt komplett verloren sind. Musiker:innen, Stagehands, Künstlermanagements, Produzenten, Technikpartner „leiden“ also nicht nur, sondern stehen faktisch vor dem „Aus“, haben mittlerweile ihr Erspartes, ihre Altersvorsorge u.a. angebrochen oder aufgebraucht, um irgendwie über die Runden zu kommen, weil sie für Förderprogramme nicht antragsberechtigt waren oder großzügig angekündigte Novemberhilfen bis heute nicht angekommen sind.

Der volkswirtschaftliche Schaden durch die Pandemie wie die gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen, deuten nicht darauf hin, dass die Akquise von Drittmitteln in den nächsten Jahren leichter werden. Der Artikel erweckte jedoch den Eindruck, dass es ein Leichtes sei, Sponsoren zu gewinnen und diese frohgemut die Brieftasche zücken und mit einem Bündel Scheinen winken. Sponsoring ist in Wahrheit ein ziemlich hartes Business – nicht zuletzt wegen der komplizierten Steuergesetzgebung gerade in Deutschland. Für das Sponsoring einer Show, eines Konzertes, einer Theaterproduktion erwartet der Geldgeber/das Unternehmen – noch anders als der Mäzen – ganz klare Gegenleistungen, die sich in Pandemiezeiten kaum oder nur unter ganz erschwerten Umständen umsetzen lassen.

Und welcher Sponsor oder Mäzen würde gegenwärtig großzügig in ein Projekt investieren, von dem man nicht garantieren kann, in welcher Form und ob es in einem oder zwei Jahren oder möglicherweise doch gar nicht stattfindet. Ohne eine solche Querfinanzierung funktionierten ganz viele Projekte außerhalb der Häuser mit großen öffentlichen Zuwendungen schon lange nicht mehr. Das gilt für einen teilöffentlich geförderten Kulturbetrieb ebenso wie für einen privatwirtschaftlich organisierten. Erschwerend kommt jedoch für die teilöffentlich geförderten Veranstaltungsunternehmen hinzu, dass sie für viele der aktuell aufgelegten Hilfsmaßnahmen und Förderprogramme nicht antragsberechtigt sind. Egal ob beim privaten Kulturanbieter oder beim gemeinnützigen Festival, wird tatsächlich ein „Gewinn“ erwirtschaftet, ist dieser in aller Regel nach eingehender Prüfung von Verwendungsnachweisen an den Fördergeber zurückzuzahlen.

Der Beigeordnete und Leiter des Referats Bildung, Kultur, Sport und Gleichstellung des Deutschen Städtetages, Klaus Hebborn, warnte jüngst, dass sich voraussichtlich die Folgen der Pandemie in ihrem ganzen Ausmaß erst in den kommunalen Haushalten der nächsten Jahre zeigen werden. Konsolidierungsmaßnahmen drohten, bei denen die Kultur als vermeintlich „freiwillige Leistung“ dabei zum wiederholten Male in Gefahr geriete, in Konkurrenz zu Pflichtleistungen zu treten. Bei der Ausgestaltung von Hilfsprogrammen müsse daher auch eine Einbeziehung von Kultureinrichtungen in öffentlicher Trägerschaft vorgesehen werden, denn diese sind nicht zuletzt Arbeitgeber für Künstler:innen, Technikdienstleistern, Gastronomen u.v.m.

In dieser Krise verdient so gut wie kein Kulturveranstalter Geld, auch nicht mit einem Streaming, zu dem man Eintritt bezahlt. In der Kultur kostendeckend zu arbeiten, war auch schon vor Corona äußerst schwierig und häufig nur über Größe und nicht selten Querfinanzierungen wie Gastronomie, Merchandising oder CD-Verkäufe zu realisieren. Gerade in letzterem Bereich atomisieren sich die Einnahmemöglichkeiten durch Streamingportale zusehends.

Das Land hat gut daran getan, hier wie dort über die Förderung einen Beitrag zu leisten, um die große kulturelle Vielfalt vielleicht ein wenig am Leben zu erhalten. Eine Vielfalt, die wir vor der Pandemie allzu gerne als so selbstverständlich hingenommen und sicherlich nicht genügend wertgeschätzt haben und von der der Großteil unserer Gesellschaft nicht im mindesten ahnt, was sie kostet und wie viele Menschen sie beschäftigt. Dass zu dieser Vielfalt auch privatwirtschaftliche Kulturunternehmen gehören, versteht sich für mich von selbst.

Ich hoffe diese Zusammenhänge zeigen, dass es ein „Zurück-wie-es-war“ nicht mehr geben kann und sollte. Wir benötigen neue Ansätze von Förderungen und dabei auch andere Schwerpunkte. Die Absicherung der Solo-Selbständigen Künstler:innen ist neu zu konzipieren, und vor allem ist zu klären, was wir meinen, wenn wir von „Kultur“ sprechen – ist es eine „Freizeitbeschäftigung“, „eine freiwillige Leistung“ oder vielmehr essentieller Kitt für eine intakte Gesellschaft, der uns etwas wert sein muss. Es steht durch diese Pandemie sehr viel auf dem Spiel und mindestens ebenso so viel kann man neu, anders und besser gestalten. Eine riesige Chance: Nutzen wir sie!