| 20:40 Uhr

TV-Serie Trierer Unterwelt: Der Nebel unter der Mosel

FOTO: (g_kultur
Trier. Er ist eine Lebensader Triers: der Versorgungs- und Energietunnel der Stadtwerke. Er verläuft unterirdisch - und somit ungesehen von Touristen und Einheimischen. Und er verbindet beide Moselufer parallel zur Römerbrücke miteinander, einmal unter dem Fluss durch. Stefanie Braun

Damit ein Körper lebt und funktioniert, braucht er eines unbedingt: Adern und Venen, die seine Organe mit Blut und so mit Luft und Nährstoffen versorgen. Funktionieren diese nicht einwandfrei, muss es nicht sofort zum Schlimmsten kommen, auf jeden Fall läuft es aber für eine Weile nicht rund: Bestimmte Bereiche werden schlecht oder gar nicht versorgt, vielleicht bleiben Schäden zurück, das Leben kann nicht reibungslos stattfinden.
Bei einer Stadt ist das ähnlich. Mehr denn je sind Städte und damit die Menschen, die in diesen leben, von Versorgern abhängig. Von Gas und Strom, von fließendem Wasser und nicht zuletzt von Telekommunikationsanbietern, die Telefon und natürlich Internet bereitstellen. Um eine Stadt fehlerfrei und großflächig mit diesen Medien zu versorgen, benötigt sie ähnlich wie ein Körper zubringende Leitungen. Und deswegen braucht eine Stadt Leute wie Christian Gooßens.

Der 58-Jährige ist seit 41 Jahren bei den Stadtwerken Trier angestellt, angefangen als Energieanlagen-Elektroniker hat er nach seiner Meisterschule schon in verschiedenen Bereichen des Versorgers gearbeitet und leitet mittlerweile das Leitcenter.

Und heute hält er den Schlüssel zu einer der Lebensadern der Stadt in der Hand: ein Versorgungstunnel, der parallel zur Römerbrücke die beiden Moselseiten miteinander verbindet. Dabei verläuft der 280 Meter lange Tunnel, der Gas-, Wasser-, Strom- und Telekommunikationsrohre sicher auf die andere Seite des Flusses führt, unsichtbar. Unter der Mosel entlang. "Unsere schöne Stadt wird eben durch den Fluss in zwei Hälften geteilt," sagt Gooßens; und irgendwie mussten sie damals ja Energie, Wasser und Gas von der einen zur anderen Seite bekommen. Mitte der 1990er Jahre war der Bedarf der Städter nach selbigen nämlich enorm angestiegen. Die Leitungen aus den 1950er Jahren waren nicht nur veraltet, sondern zudem nicht mehr leistungsfähig genug.

Nach einem Leitungsschaden in den 1980er Jahren, der nicht mehr zu reparieren war, und einem Blick auf die Reserveleitungen, die ebenfalls aus den 1950ern stammten, wurde schnell klar: Eine Lösung musste her. Die einerseits den gestiegenen Bedarf decken sollte, andererseits auch eine adäquate Alternative zum bestehenden System darstellte.

Bisher liefen die Versorgungsleitungen von einem Ufer zum nächsten durch den Fluss, eingegraben in sein Bett. Hierzu hatte man den Wasserpegel abgesenkt und mit einem Schwimm-Bagger einen Graben durch das Flussbett gezogen, danach wurden die Leitungen zusammengebaut und mit Steinen beschwert in der Mosel versenkt. Zu guter Letzt wurde der ausgehobene Graben wieder aufgefüllt. Dieses Verfahren stammt aus dem Niederländischen und heißt Düker-Verfahren, was auf Niederländisch so viel wie "abtauchen" bedeutet.

Damals schon eine sehr aufwendige Methode, heute eine unzumutbare Behinderung für die Schifffahrt. Seitdem die Mosel im Jahr 1964 nach ihrem Ausbau für den Güterverkehr freigegeben wurde, hat sie sich zu einer wichtigen Schifffahrtsstraße Europas entwickelt. Wird ein Düker gebaut, ist die Schifffahrt so lange stark eingeschränkt, wie die Bauarbeiten dauern. Erst wenn der Graben für die Leitungen zugeschüttet wurde, können Schiffe wieder ungehindert passieren. Kein wirtschaftlicher Totalschaden, aber ein vermeidbares Risiko.

Ein eventuell größeres Risiko hätte eine Verärgerung der Touristen sein können, die fast täglich durch Trier wandern: Um den Anblick der Römerbrücke nicht zu stören, sollten die neu anzulegenden Leitungen unbedingt unsichtbar verlaufen. Eine Alternative zur Düker-Methode war es, einen Tunnel im Gestein unter dem Flussbett zu graben: 1994/95 wurde der Bau dieses Vorhabens genehmigt und die Firma Hilko aus der Region mit dem Projekt beauftragt. Sie rückte mit Maschinen an um zunächst den Eingang und den Ausgang des Tunnels zu bauen. Die sogenannte Startgrube in einer verkehrsberuhigten Seitenstraße in Trier-Süd, die Zielgrube unweit der Römerbrücke in der Luxemburgerstraße.

100 Tage dauerte es, bis sich die schwere Maschine durch den Felsen unter der Mosel gebohrt hatte. Durch ein Gestein, wie man es auch von den roten Felsen des Palliener Ufers kennt. Christian Gooßens war dabei. Nach mehr als zwanzig Jahren sind die Erinnerungen nicht mehr taufrisch, eine Sache weiß er aber noch genau: "Ich war froh, als ich wieder raus war", scherzt er. Eine brachiale Arbeit war das, wie sich der Bohrer durch das Gestein fraß.
Gooßens konnte damals bis nach vorne zum Maschinisten gehen, der den Bohrer bediente. Durch den frisch gegrabenen Tunnel, vorbei an den Lampen, die Arbeitslicht spendeten, über verschiedene Kabel; und Leitungen, die Gestein und Schutt aus dem Tunnel spülten. Zusätzliche Belüftungsleitungen sorgten dafür, dass im Tunnel überhaupt Frischluft war. "Es war eben ein richtiger Baubetrieb", sagt Gooßens, mit Schmutz, Staub, Nässe und dem Geräusch der Bohrmaschine, die sich durch das Gestein arbeitete. 280 Meter unter der Mosel lang in 100 Tagen. Ohne Orientierungspunkte, immer den Messgeräten hinterher. Dabei musste alles genauestens durchgeführt werden. Schließlich sollten die beiden Gruben auf den beiden Moselseiten passgenau miteinander verbunden werden.
Um weniger als zehn Zentimeter haben sich die Arbeiter damals vertan. Ein Ergebnis, das Gooßens heute noch beeindruckt, wenn er durch den Tunnel läuft. Über 250 Meter durch den kreisrunden Betonschacht entlang der wuchtigen Gasleitung, den Strom- und feineren Kommunikationsleitungen. Immer vorbei an puren Glühfassungen, die abwechselnd kaltes und etwas freundlicheres Licht spenden. Eine schöne Regelmäßigkeit, die Sicherheit und Zuverlässigkeit ausstrahlt.

In dieser Konstruktion ist nichts dem Zufall überlassen, perfekt durchdacht, genau geplant, makellos in ihrer schlichten Funktionalität. Nicht mal Staub und Dreck sind in dem Tunnel zu finden. Wo solle der auch herkommen, fragt Gooßens. Die beiden Gruben sind verschlossen, der Straßenverkehr ausgesperrt, empfindliche Sensoren überwachen das Luftgemisch im Tunnel. Eine Veränderung könnte auf ein Leck in der Gasleitung hindeuten.
Für die seltenen Besucher wird der Tunnel vorab noch mal belüftet. Ein Mechanismus, der schon mal für eine skurrile Situation gesorgt hat: "Ich hatte eine Führung im Hochsommer," erinnert sich Gooßens, "damals waren es draußen 30 Grad."

Im Tunnel seien es meist konstante 15 Grad, im Winter muckelig warm, im Sommer angenehm kühl. Gooßens schaltete kurz vorher die Lüftung ein, und als er mit der Gruppe die Treppe der Startgrube herunterkam, wabberte ein dichter Nebel durch den Tunnel. "Das lag an der heißen Luft von draußen, die hatte sehr viel Feuchtigkeit aufgenommen und wurde dann durch die Belüftung in den kühlen Tunnel gezogen." Der Rest ist Physik.
Es muss manchem Besucher allerdings trotz der logischen Erklärung im Gedächtnis geblieben sein. Gooßens selbst fühlt sich im Tunnel wohl und sicher. Unter den Straßen hört man manchmal ein Rumpeln von den LKW, unter der Mosel ab und an mal ein altes Dieselschiff. Sonst nichts. Das Schlimmste, was passieren könne, wäre ein Erdbeben, das den Fels und den Tunnel zum Reißen bringt. Dann könnte Moselwasser durch die meterdicke Felsschicht in den Tunnel dringen.

Aber das hält er für sehr unwahrscheinlich. Sollte doch mal etwas sein, gibt es eine einfache Faustregel, mi der man auch den optischen Irrtum des menschlichen Gehirns ausblenden kann: Läuft man den Tunnel entlang, geht es eine ganze Weile lang bergab, doch das Auge sieht, dass es etwas weiter vorne wieder bergauf geht. "Da täuscht sich das Gehirn. Weil unser Auge einen Bogen sieht, und da ihm der Vergleich fehlt, meldet es, dass es wohl bald wieder bergauf gehen wird." Tatsächlich sieht das Auge den Mittelpunkt des Tunnels, der an seiner tiefsten Stelle etwas flacher verläuft. Für unser Auge geht es wieder nach oben, dabei fällt der Tunnel bis zu einer Metallplatte, die das absolute Zentrum markiert, weiter ab. Nur nicht mehr so steil. Daher die Faustregel: Im Notfall umdrehen und einfach wieder bergauf laufen. "Bergauf ist immer der kürzeste Weg."Extra: Der Energietunnel in Zahlen

Der Bau des Tunnels begann Mitte 1995 mit den beiden Schächten, die Bauzeit des eigentlichen Stollens startete Ende des Jahres. Nach dem Innenausbau und der Verlegung der Versorgungsleitungen wurde der Energietunnel am 14. März 1997 in Betrieb genommen. Durch den Tunnel werden zwei Stromkabel mit je 100 000 Volt Leistung geleitet, diese Energie würde reichen, um etwa 1,2 Millionen Glühbirnen à 100 Watt auf einmal zu speisen. Die Gas-Hochdruckleitung hält einem Betriebsdruck von maximal 35-45 Bar stand, zudem verlaufen durch den Tunnel eine Wasserleitung mit 500 Millimeter Durchmesser sowie mehrere Kommunikationsleitungen. Der Innendurchmesser des Tunnels beträgt 2,40 Meter, die Wand ist 24 Zentimeter dick und aus Spezialbeton gefertigt. Über dem Energietunnel liegt eine drei Meter hohe Fels- und Wasserschicht. Der Bau kostete insgesamt 2,8 Millionen Euro.Extra: TV-SERIE Trierer Unterwelt

Trier ist eine alte Stadt und eine kulturell reiche noch dazu. Auch wenn man viele der Schätze nicht auf den ersten Blick sehen kann oder vielleicht sogar nie zu Gesicht bekommt. Denn Trier trägt sein Erbe nicht, es steht darauf. Was verbirgt sich unter Trier und an den ungewöhnlichen Orten, die fürs öffentliche Auge unsichtbar und nicht ohne weiteres zugänglich sind? In einer neuen Serie stellt der Trierische Volksfreund in Zusammenarbeit mit dem Trierer Fotografen Lars Eggers verschiedene unterirdische Orte vor, die man sonst nur schwer erreichen kann.

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