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Überfließende Himmel

Überfließende Himmel

Bis zu 170 Sternschnuppen pro Stunde sollen in der Nacht zum Freitag auf die Erde regnen. Von jeher faszinierte das Himmelphänomen die Menschen, vom Glauben an Wunscherfüllung bis hin zur Inspiration für Gedichte. Eine Betrachtung.

Düsseldorf/Trier. Leider gibt es keine Institution, die solche Statistiken erhebt, aber es könnte sein, dass heute Nacht häufiger geküsst wird als in anderen Nächten. Der Grund sind Sternschnuppen, davon soll es nach Mitternacht besonders viele geben, und sie gelten von jeher als Rampe für die Romantik: "Überfließende Himmel verschwendeter Sterne prachten über der Kümmernis", schwärmte schon Rilke, und der kannte sich aus mit den Angelegenheiten des Herzens.
Kalte Himmelsmechanik


Wobei Sternschnuppen an sich zunächst bloß kalte Himmelsmechanik sind. Auf ihrem Weg um die Sonne durchquert die Erde jedes Jahr zwischen dem 10. und 14. August jene Bahn, die der Komet Swift-Tuttle um die Erde zieht. Swift-Tuttle umrundet die Sonne. 130 Jahre braucht er dafür, und er hinterlässt ziemlich viel Dreck dabei: Sein Schweif besteht aus Gas, Staub, Eis und Gesteinsbrocken. Und wenn die manchmal nur einen Millimeter großen Teilchen mit enormer Geschwindigkeit auf die Erdatmosphäre treffen, bringen sie die Luftmoleküle zum Leuchten. Diese Leuchtspur, diese illuminierte Flugbahn ist dann das, was wir als Sternschnuppe bezeichnen.
Die Schweifspur von Swift-Tuttle nennt man Perseiden, sie hat ihren Ursprung im Sternenbild des Perseus, wie Astronomen 1835 herausfanden. "Laurentiustränen" heißt das Phänomen auch, denn es fällt mit dem Fest des Märtyrers Laurentius zusammen, der am 10. August im Jahr 258 auf einem glühenden Rost hingerichtet wurde. Die Sternschnuppe als Träne des Gemarterten.
Überhaupt haben Sternschnuppen die Fantasie der Menschen angeregt, zumeist jene Fantasie, die sich aus der Herzkammer speist - siehe Rilke. In dessen Werk glühen gleich dutzende Sternschnuppen, und er beschrieb sie so: "Fallende Sterne, die quer wie Pferde durch die Himmel sprangen über plötzlich hingehaltene Stangen unserer Wünsche". Göttliche Lichtfunken seien das, haben sich die Menschen einst erzählt, Schicksalsboten also, und daher rührt auch der Aberglaube, man habe einen Wunsch frei, wenn man eine Sternschnuppe sehe. Voraussetzung: Man verrät ihn nicht. Fischer deuteten Sternschnuppen übrigens als Vorzeichen einer guten Fahrt mit reichem Fang. Besonders schön: Die frühe Erklärung, dass Engel Sternschnuppen entstehen ließen, weil ihnen beim Putzen der Himmelskerzen glimmende Dochte heruntergefallen waren.
Nur ausnahmsweise waren Menschen so eingeschüchtert vom Aufscheinen der Flugbahn eines leuchtenden Staubteilchens, dass sie negative Erklärungen für das Himmelsphänomen fanden. In der Mongolei etwa dachte man, die Unglückszeichen seien Spuren der Seelen von Verstorbenen auf ihrer Reise ins Jenseits. Und auf den Andamanen Inseln im Indischen Ozean deutete man sie als Fackeln, mit denen böse Geister Jagd auf Menschen machen.
Sternschnuppe gleich Romantik


Hierzulande gilt: Sternschnuppe gleich Romantik. Man sieht das schon daran, dass man im Internet unter der Adresse mondland.de zum Valentinstag Sternschnuppen-Gesteinsbrocken in schmucker Holzschatulle für die Liebste bestellen kann: Ein Steinchen von fünf bis zehn Gramm kostet 34,90 Euro. Unbezahlbar hingegen dürfte sein, was man sieht, wenn man heute Nacht ab 0.30 Uhr Richtung Nordosten blickt. "Erhöhte Fallraten" kündigen die Fachleute an, besonders helle Sternschnuppen gibt es dann ab zwei Uhr. Man solle kein Fernglas benutzen, raten sie, das schränke das Blickfeld ein. Besser sei es, einen möglichst großen Bereich des Himmels einzusehen, und zwar am besten auf dem Land, denn in der Stadt ist es oft zu hell. Während in anderen Jahren um diese Zeit bis zu 50 Sternschnuppen pro Stunde gezählt werden, sollen es in dieser Nacht 150 bis 200 sein. Der Grund ist die Gravitationskraft Jupiters, die einen Teil der Perseiden näher an die Erde gebracht hat.
Wer bis zwei Uhr morgens wach bleibt und in den Himmel schaut, der wird also mit einem Romantik-Schauspiel belohnt, das man so nur selten bekommt. Vorrausgesetzt das Wetter spielt mit und der Himmel ist nicht bewölkt. Eines scheint aber auf jeden Fall gewiss: heute Nacht wird mehr geküsst als sonst.