Überraschend modern

Trier · Unter dem Titel "Eines Wunders Melodie" hat eine Band in der Tufa Trier Neuvertonungen von Gedichten Rainer Maria Rilkes aufgeführt. Der Club der Toten Dichter mit Gastsängerin Katharina Franck von den Rainbirds brachte eine überraschend gut zum aktuellen Zeitgeist passende Symbiose von Musik und Text auf die Bühne.

Katharina Franck von den Rainbirds singt Rilke-Texte. TV-Foto: Anke Emmerling

Trier. Gedichte von Rainer Maria Rilke (1875-1926) sind schon seit dessen Lebzeiten häufig vertont worden, unter anderem von Alma Mahler, Arnold Schöneberg oder Paul Hindemith. Dem zugrunde lag wohl immer wieder der Reiz ihrer einzigartigen Verbindung allgemeingültiger Themen des menschlichen Daseins wie Liebe oder Tod mit einer treffsicheren, sich poetischer Naturbeschreibungen bis heiterer Pointierungen bedienenden Sprache.
So auch für Reinhardt Repke, Sänger und Gitarrist aus Brandenburg, der 2005 das Bandprojekt Club der Toten Dichter gegründet und damit schon Gedichte von Heinrich Heine und Wilhelm Busch vertont hat.
Wie jeweils dafür hat er auch für die Bearbeitung der Dichtung Rilkes eine eigene Besetzung zusammengestellt. Neben ihm selbst, Pianist Jörg Mischke, Bassist Markus Runzheimer sowie Rainbirds- und Udo-Lindenberg-Drummer Tim Lorenz ist erstmals eine Frau dabei, Katharina Franck, Sängerin der Rainbirds (bekanntester Titel: "Blueprint").
Das, so offenbart sich in der Tufa schnell, ist ein gleich mehrfach glücklicher Griff. Denn ihre Stimme, eine, wie sie in der neuen deutschsprachigen Musik angesagt ist, vermag sensibel zwischen Zartheit und Fülle balancierend die Poesie der Texte zu unterstreichen und ihnen gleichzeitig einen modernen Klang zu geben. Und sie ergänzt sich in ihrer Klarheit hervorragend mit der knarzigen Reibeisenstimme Repkes, die solo wiederum ein bisschen was von Rio Reiser hat. Die Arrangements sind, ob balladesk oder mit Ska-Anklängen, fetzig, durchweg melodiös. Schlagzeug, Perkussion, Gitarren- und Basseinsatz machen sie sehr rhythmusbetont, Orgel und Piano-Harmonien atmosphärisch. Auf dieser Basis gehen Rilkes Texte wie von selbst in Ohr und Seele, wecken Assoziationen, lassen eigene Gefühle anklingen oder bezaubern einfach durch Schönheit und Zeitlosigkeit.
Traurig-melancholisch


Da gibt es Traurig-Melancholisches wie das symbolische Lied vom hinter Stäben gefangenen und gebrochenen "Panther" oder "Ich wollt sie hätten mir statt der Wiege einen kleinen Sarg gemacht", Liebeslieder wie "O wie blüht mein Leib aus jeder Ader duftender, seitdem ich dich erkenn;" oder "Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?". Verblüffend ist, dass die Texte in der Interpretation der Band jeden Staub der Vergangenheit und jede Abgehobenheit verlieren. Vielmehr entstehen Lieder, die sich ohne weiteres in die Tradition von Unheilig oder anderen populären Gruppen einreihen können, weil sie exakt den Nerv der heutigen Befindlichkeit treffen, einer neuen Innerlichkeit, Orientierungs- und Sinnsuche angesichts der immer komplexer werdenden Welt.