Üppiges Klangpanorama

Luxemburg · Das Thema Afrika gewinnt in der europäischen Kultur immer ausgeprägter an Beliebtheit. Das zeigte sich auch beim jüngsten "Aventure+"-Konzert des Orchestre Philharmonique in der ausverkauften Philharmonie.

 Überzeugt mit ihrer Stimme: Angé lique Kidjo. Foto: François Zuidberg

Überzeugt mit ihrer Stimme: Angé lique Kidjo. Foto: François Zuidberg

Luxemburg. Afrikanische Musik und Kompositionen von Minimalist Philip Glass, nur Sache für eine Handvoll Experten? Wer das glaubte, hätte in der Philharmonie sein blaues Wunder erlebt. Mit dem lapidaren Titel "Africa" zog das Orchestre Philharmonique (OPL) glatt 1400 Besucher ins ausverkaufte Luxemburger Konzerthaus. Ein Publikum ohne stilistische Scheuklappen, begeisterungsfähig und immer wieder spontanem Zwischenapplaus.
Und dann Angélique Kidjo, Solistin in den uraufgeführten "Yorùbá Songs" von Philip Glass - drei Gesänge im westafrikanischen Yorùbá-Dialekt. Wenn sie das Mikrofon nimmt und die ersten Töne anstimmt, ist die Faszination perfekt. Eine Stimme, fest geerdet auf dem Körper, mit klarem Einsatz, treffsicherer Intonation und dabei frei von Belcanto-, Chanson- oder Schlager-Zutaten. Kunst ohne Künstlichkeit. Gastdirigent Jonathan Stockhammer bringt dazu Präzision und Motivation so perfekt zusammen, dass sich beim OPL ein vielfältiges, brillantes Klangfarben-Kaleidoskop auftut.
Zur "Concerto fantasy" von Philip Glass nach der Pause gehen Simon Stierle und Benjamin Schäfer hemdsärmelig wie die Möbelpacker an ihre insgesamt zehn Pauken. Aber sie produzieren auf denen nicht nur wuchtige Rhythmen, sondern kitzeln auch erstaunlich feine Klang- und Geräuschnuancen heraus. Und bei den einleitenden "Five African Songs" im Orchester-Arrangement von Mzilikazi Khumalo breiten Stockhammer und das OPL ein üppiges Klangpanorama aus - Afrika-Melodik in großorchestraler Neufassung. Die klingt nach Filmmusik im Breitwandformat. Wirklich echt afrikanisch?
Aber solche Ausflüge nach Hollywood schaden kaum. Bei afrikanischer Musik, genauer, Musik südlich der Sahara, greifen statische Kulturbegriffe Europas wie Tradition, Authentizität, Ursprünglichkeit, Erbe ohnehin nicht. Da gelten dynamische Größen - Bewegung, Prozess, Vermittlung, Austausch, Wandlungsfähigkeit, Anpassung. Genau daraus entwickelt Afrikas Musik im postmodernen 21. Jahrhundert ihre enorme Anziehungskraft.
Die verlor sich auch nach dem Konzert nicht. Im Foyer drängten sich einige Hundert um die renommierte Gruppe Mamadou Diabate. Afrikanische Klänge, brillant musiziert und diesmal ohne sinfonische Einkleidung. mö

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort