Ulk und Sinnlichkeit im Tanz-Wunderland

Ulk und Sinnlichkeit im Tanz-Wunderland

Den verrückten Hutmacher, das weiße Kaninchen und die böse Königin - Mauro Bigonzetti hat sie alle gefunden. Für die Tänzer des Ensembles von Eric Gauthier hat der Star-Choreograph das Stück "Alice" rund um die skurrilen Wesen aus Lewis Carrolls Wunderland-Klassiker geschaffen. Trotz präzise ausgearbeiteter Tanzpartien wirkt es, als entstünde es gerade erst auf der Bühne.

Luxemburg. Den Anfang macht Eric Gauthier, Chef der renommierten Kompanie "Gauthier Dance" vom Theaterhaus Stuttgart: Im eleganten Gehrock, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, mimt er Lewis Carroll und verspricht Alice und dem Publikum - die zwei Vorstellungen im großen Saal Grand Théâtre waren beide nahezu ausverkauft - eine Geschichte voller Unsinn.
Akrobatisch, witzig, bedrohlich


Dieses Versprechen lösen seine fantastischen 15 Tänzer ein. Florian Lochner hat als Hutmacher zwischenzeitlich nicht nur einen Hut auf dem Kopf, sondern auch einen Zylinder unterm Fuß. Und das weiße Kaninchen Rosario Guerra dirigiert die Wunderländer mit seinem Taktstock hierhin und dorthin. Aber das Stück bietet mehr als nur Ulk: Bedrohlich und unheimlich etwa wirken die starken Auftritte der unnahbaren, glatzköpfigen Anneleen Dedroog als mächtige Königin.
Und mittendrin: eine doppelte Alice. Die kleine Garazi Perez Oloriz und die große Anna Süheyla Harms verkörpern in ihrem flinken und freigiebigen, aber auch galant beherrschten und bedachten Tanz den inneren Konflikt der adoleszierenden Alice: ihr Hin und Her zwischen dem Bedürfnis, noch eine Weile in der kindlich-naiven Sorglosigkeit zu verbleiben und dem noch widerstrebend-neugierig und doch ungeduldigen Verlangen, erwachsen zu werden. Das zumindest suggeriert diese Besetzung, wenngleich die Rollenverteilung verschwimmt inmitten des mannigfaltigen, kuriosen Treibens auf der Bühne, bei dem man vergeblich einen roten Faden sucht.
Doch das fantastische Geschehen vor projizierten prunkvollen Sälen und Bibliotheken inklusive herumflatternder Bücher ist Programm - und bietet trotz zeitweiser Orientierungslosigkeit ein mehr als zweistündiges Vergnügen.
Überraschend passend ist Mauro Bigonzettis unbritische Musikwahl: Die drei Damen vom neapolitanischen Assurd-Trio singen live auf der Bühne, Antongiulio Galeandro spielt Akkordeon und Flöte, und Enza Pagliara steuert ihre kraftvolle Stimme bei.
Körperliche Melodien, alle für "Alice" komponiert, geleiten die Tänzer, Abzählreime spornen sie an, und wenn sie sich zu ungezügelt gebärden, erden die Musiker sie wieder mit opulenter Folklore.
Die große Alice verliebt sich im Laufe des Abends in den Hutmacher, mit dem sie wunderbare, sehr sinnliche Pas de deux tanzt. Dagegen ist der Körperkontakt bei der tänzerischen, teils akrobatischen Zweisamkeit der kleinen Alice mit den Wunderland-Bewohnern ungestümer. Ihre Umklammerungen signalisieren mehr schützende Geborgenheit als leidenschaftliche Nähe.
Anfangs verlaufen die Wege der großen und der kleinen Alice noch parallel, doch mehr und mehr entfernen sie sich voneinander. Bis schließlich die große allein das Wunderland verlässt - mit der Erinnerung an eine fantastisch-schöne, magisch-verrückte und sinnlich-verführerische Zeit, für die sich das Publikum mit stürmischen Applaus bedankt.