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Ulrich Tukurs "Der Ursprung der Welt": Dystopie mit stilistischen Schwächen.

Rezension : Dunkel und verstörend

Düster, düster. So waren bisher Ulrich Tukurs Erzählungen und auch seine Novelle „Die Spieluhr“ aus dem Jahr 2013. Äußerst düster ist auch der erste Roman des bekannten deutschen Schauspielers und Musikers.

Tukur (Jahrgang 1957) liebt schon immer das Fantastische, Edgar Allan Poe und E. T. A. Hoffmann, die „schwarzromantische Literatur“, sind seine Vorbilder. Aber dann gehen sozusagen im „Ursprung der Welt“ – einer Mischung aus Dystopie und Psychothriller – die schwarzen Pferde mit ihm durch: Die Vermischung der Zeitebenen 1943 und 2033 (100 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers) mag gewisse Parallelen auch zu Krieg und Flüchtlingsbewegungen verdeutlichen, aber Tukur geht in verstörenden Visionen über diesen Vergleich weit hinaus: In der nicht mehr allzu weiten Zukunft 2033 ist die Welt tatsächlich nur noch dunkel: Russische Soldaten besetzen das Baltikum, in Frankreich herrscht eine nationalistische Regierung, und in der Türkei wird der Ministerpräsident ermordet. Zur Verquickung der beiden Zeitebenen versucht Tukur einen Trick anzuwenden, der aber nicht wirklich überzeugt: Nach der Flucht aus Deutschland, wo das Chaos regiert, findet Protagonist Paul Goullet in Paris bei den Bouquinisten ein altes Fotoalbum. Dessen Bilder zeigen ganz offensichtlich ihn selbst im Kreis von Damen und Herren aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Er folgt der Spur seines Doppelgängers nach Südfrankreich und stößt dabei auf den Kinderarzt Prosper Genoux (Initialen ebenfalls PG!). Goullet hat verstörende Alpträume, in denen sich jedoch herausstellt, dass sein Vorgänger sein Leben auf schrecklichen Geheimnissen aufbaut. Durch die (Alp)Traum-Passagen wechselt Tukur ständig die beiden Zeitebenen, und der Leser wird dadurch zunehmend verunsichert, welcher PG gerade der wortführende Protagonist ist. Zudem recht verstörend: Der Autor bringt durch eine gewisse Leichtigkeit seines Erzählens das Düstere, selbst etwa ausufernde Gewaltszenarien oder auch sexuelle Abartigkeiten, mit einer gewissen Leichtigkeit zu Papier. Etwas störend ist seine bisweilen „altertümelnde“, barocke Sprache, die dem Sujet oft nicht angemessen erscheint.

Die Bedeutung des Romans, dessen Zielsetzung – die Parallelen zwischen 1943 und der nahen Zukunft 2033 aufzuzeigen – durchaus diskutabel ist, wird durch stilistische  Mängel leider erheblich eingeschränkt. Jörg Lehn

In Tukurs Roman „Der Ursprung der Welt“ geht’s düster zu. Foto: dpa/Arne Dedert

Ulrich Tukur: Der Ursprung der Welt. Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019, geb., 304 Seiten, 22 Euro.