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"...und keiner hat aufgehört zu klatschen"

"...und keiner hat aufgehört zu klatschen"

TRIER. "Udo spielt Jürgens" heißt das Programm, mit dem der österreichische Sänger nach drei Jahren wieder open-air in Trier auftritt. Der Trierische Volksfreund sprach mit dem Künstler, der in der Schweiz lebt.

Herr Jürgens, fast ein halbes Jahrhundert im Musikgeschäft - wie hält man das aus?Jürgens: Ich frag mich, wie hält man ein halbes Jahrhundert lang anders aus? Eigentlich habe ich ja mein ganzes Leben lang nur getan, was ich über alles liebe: Musik machen. Das ist fast eine Gnade. Deshalb habe ich auch einen ungeheuren Respekt vor Menschen, die wirklich arbeiten müssen und jeden Tag von acht bis fünf im Büro oder in der Fabrik verbringen. War es schwer, damals im Musikgeschäft Fuß zu fassen?Jürgens: Es war zu allen Zeiten schwer. Als ich angefangen habe, war es schwer, weil das gesamte Musikgeschäft in der Hand von vielleicht acht Personen war. Die saßen in Berlin, Wien, Hamburg, München und Köln und bestimmten den Musikgeschmack, und die Musiker und Sänger waren austauschbare Marionetten. Ich habe die ersten Jahre pro Titel 150 Mark gekriegt, egal, wie viele Platten davon verkauft wurden. Heutzutage dagegen hat jeder Neuling mit einer ganz starken Konkurrenz zu kämpfen, und man muss unheimlich viel Glück haben, um heute noch irgendwo gehört zu werden. Was unterscheidet den Jürgens von 1965 von dem von heute?Jürgens: Ich habe meine Karriere zu einer Zeit angefangen, als es bei den Liedern mehr um Musik als um Worte ging. Doch dann wurden die Texte zeitkritischer, auch politischer und satirischer, was mir sehr entgegen kam, weil es genau die Richtung war, in die ich gehen wollte. Nicht, dass die Musik unwichtiger geworden wäre - eine gute Melodie ist immer noch Gold wert. Wie zündet bei Ihnen der kreative Funke?Jürgens: "Bücher werden auch mit dem Hintern geschrieben", hat ein kluger Autor mal gesagt. Wenn die Inspiration kommt, ist das natürlich toll. Aber meistens muss man sich ans Klavier setzen und spielen, improvisieren und experimentieren - und irgendwann passiert‘s dann, dass ein Thema vorbeihuscht, das man packt - oder es packt einen - und das man dann nicht mehr loslassen mag. Es gibt Melodien, die sofort ins Ohr gehen, und solche, die etwas anspruchsvoller sind. Haben Sie beim Komponieren schon die Erfolgsaussichten im Blick?Jürgens: Ich bin ein gnadenloser Melodiker, und es würde mir überhaupt nicht schwer fallen, sehr eingängige Lieder zu schreiben. Dagegen muss ich angehen. So versuche ich beispielsweise, durch rhythmische Strukturen eine allzu glatte Melodik zu unterlaufen. Ich liebe moderne, ungewöhnliche Rhythmen, die gehen mir total ins Blut. Und diese Rhythmen helfen mir sehr beim Komponieren, damit ich melodisch betrachtet nicht in Schönheit sterbe. Sie haben rund 700 Lieder geschrieben...Jürgens: Ein paar mehr sind‘s schon. Ich gehe auf die 900 zu.Gibt es darunter ein paar Lieblingslieder?Jürgens:Keines, das allein auf Platz Eins wäre. Ich finde alle Songs, denen ich viel verdanke, grundsätzlich gut. Sachen wie "Siebzehn Jahr", "Griechischer Wein" oder "Aber bitte mit Sahne" sind in sich einfach stimmig, und deshalb spiel ich sie auch gern. Haben Sie denn auch was im Gesamtwerk, das Sie nicht mehr so gern hören?Jürgens: Natürlich. Das sind in der Regel Songs, die nur eine "Füllfunktion" haben. Auf einer LP müssen zwölf, auf einer CD etwa sechzehn Titel veröffentlicht werden, und da ist dann manches dabei, wo man nach drei Jahren sagt: Schwamm drüber. Bei einem Song, der auch nur Füller sein sollte, war ich allerdings unendlich enttäuscht, weil sich kein Mensch dafür interessierte: Das war 1981 "Ich war noch niemals in New York". Den wollte keiner hören. Zwölf Jahre später haben dann Studenten in Freiburg angefangen, auf Partys das Lied zu spielen; es gab in der Uni sogar Udo-Jürgens-Abende, bei denen es dauernd zu hören war. Auf diese Weise ist dieser Sleeper dann doch noch zu einem astronomischen Hit geworden. Stichwort astronomisch: Was war eigentlich der erhebendste Moment in Ihrer Karriere?Jürgens:Ach, da gab‘s einige. Etwa, als ich 1981 beim "World Popular Song Festival" in Tokio als einziger Teilnehmer zwei Hauptpreise bekommen habe. Oder mein erstes Solokonzert, das ich in der Wiener Staatsoper hatte. Eine halbe Stunde haben die Menschen hinterher gestanden, und keiner hat aufgehört zu klatschen. Überhaupt gibt es in dem Beruf Momente, die man gar nicht zu fassen vermag und wo man sich wünscht, die Zeit bliebe stehen. Diese Tournee wird wohl nicht Ihre letzte sein...Jürgens: Um Gottes willen, daran mag ich gar nicht denken. Daran ändert auch der Eintritt ins achte Lebensjahrzehnt nichts?Jürgens: Ich bin unendlich dankbar, dass ich geistig fit und körperlich gesund geblieben bin und dass die Stimme noch okay und mit den Jahren sogar noch stabiler geworden ist. Natürlich merke ich das Alter. Ich habe Probleme mit dem Rücken, und wenn ich Treppen hochgehe, tu ich das nicht mehr so schwungvoll wie vor fünfzehn Jahren, ohne außer Atem zu kommen. Aber beim Treppensteigen muss ich ja Gott sei Dank nicht singen. Am Sonntag, 19. Juni, spielt Udo Jürgens um 20 Uhr auf dem Domfreihof. Karten unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 und in den TV-Pressecentern Trier, Bitburg und Wittlich und online unter www.intrinet.de/tickets. * Mit Udo Jürgens sprach unser Redakteur Rainer Nolden