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Unfähig zum Mitleiden

Unfähig zum Mitleiden

Ein Stück, weitab vom erbaulichen Stadttheater-Mainstream: Die Selbstauskunft des Kindermörders Jürgen Bartsch, von Oliver Reese nach Briefen des Inhaftierten aufgezeichnet. Das Theater Trier setzt den 90-minütigen Monolog im Schwurgerichtssaal des Landgerichts in Szene.

Trier. Fast fünf Jahrzehnte liegen die vier Morde des Jürgen Bartsch zurück. Schon 35 Jahre ist es her, dass er durch Ärzte pfusch starb, als er sich operativ kastrieren lassen wollte, um der lebenslangen Unterbringung in der Psychiatrie zu entgehen. Und das Stück von Oliver Reese ist auch schon 20 Jahre alt. Und doch wird "Bartsch, Kindermörder" in den vergangenen Jahren landauf, landab gespielt. Der Name der "Bestie" Bartsch ist allen, die in den 1960er Jahren schon auf der Welt waren, nach wie vor präsent. Immer mal wieder gibt es Bücher, Dokumentarfilme, wissenschaftliche Arbeiten. Der Mann, den die Deutschen damals als zweitschlimmsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte nach Adolf Hitler einstuften, ist eine Art Mythos geworden, ein schreckliches Faszinosum. Da passt es ins Bild, dass bei der Premiere im Trierer Landgericht alle Plätze belegt sind. Ein nüchterner, geschäftsmäßiger Raum ohne jegliche Bühnenausstattung und Requisiten. Nur die unbehaglich-kalte Beleuchtung fällt auf, die die Schatten der Hängelampen über dem Richtertisch fast wie Galgen erscheinen lässt. Jan Brunhoebers Jürgen Bartsch: ein akkurat gekleideter und gescheitelter junger Mann, intelligent, sprachgewandt, analytisch. Er spricht langsam, mit vielen Pausen, aber keineswegs stockend. Bisweilen führt er kleine Zauberkunststücke vor.Ungeheuerliches Insekt

Wer hier ein Monster sehen will, das dem Betrachter die Chance gibt, wohltuende Abscheu zu empfinden, wird nicht bedient. Ebenso wenig wie der verständnissuchende Sozialarbeiter mit Helfersyndrom, der im Täter primär ein Opfer vermutet. Der Bartsch, den Brunhoeber und Regisseurin Britta Benedetti herausarbeiten, bleibt merkwürdig auf Distanz. Man beobachtet ihn wie ein fremdes, ungeheuerliches Insekt, dessen Identität man vergeblich zu verstehen sucht.Dabei liefern die Selbstbekenntnisse, die Autor Reese aus zahllosen Briefen von Bartsch herausgezogen hat, durchaus Ansätze für Erklärungen: Die Tragödie eines Nicht-Gewollten, unehelich zur Welt gekommen (in der Nachkriegszeit ein elementarer Makel) die leibliche Mutter kurz nach der Geburt gestorben, lieblos-strenge Adoptiveltern, Abschiebung ins Heim, und das alles in der Klein stadt-Enge der 1950er Jahre.Keine schöne Biografie, aber auch keine ungewöhnliche. Eine Erklärung für die Verbrechen, die Bartsch dann zwischen dem 15. und dem 19. Lebensjahr beging, liefern schon eher der sexuelle Missbrauch und die extreme Unterdrückung, die ihm im katholischen Kinderheim widerfuhren - möglicherweise angesichts der aktuellen Diskussion ein Grund für die Renaissance des Stücks.Aber in der Trierer Produktion tritt das alles zurück. Hervorstechender Charakterzug bei Bartsch ist hier die vollkommene Unfähigkeit zur Empathie, zum Mitleiden mit denen, die zum Opfer seiner Verbrechen werden. Emotionen empfindet er nur da, wo es um ihn selbst geht, um das, was ihm angetan wurde. Die Jagd nach Opfern, die Leiden der Kinder, die er zu Tode quälte ("Die hatten einfach ein Scheiß-Pech"), schildert er mit der analytischen Kühle eines Unbeteiligten. Erschüttert ist er allenfalls über sich selbst, über den Kontrollverlust im Moment der sexuellen Raserei, über die Frustration hinterher. Brunhoeber und Benedetti hätten es sich einfacher machen können, mit einem schaurigen Spektakel oder einem Sozialdrama. Ihre Interpretation ist mutig, gerade weil sie ein ausgeprägtes Gefühl der Leere hinterlässt - und damit reichlich Raum zum Nachdenken. Weitere Vorstellungen am 30. November, 6., 14., 21., 29. Dezember.Extra

Die städtischen Kassen sind leer, es muss gespart werden. Unter der Überschrift "Sparopfer Kultur?" diskutieren am Montag, 21. November, 19.30 Uhr, im Theater Experten und Entscheidungsträger auf Einladung des TV und der Gesellschaft der Theaterfreunde. Bei diesem Anlass will Intendant Gerhard Weber 10 000 Unterschriften gegen die Sparauflagen überreichen.