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Ungewöhnliche Einblicke

Ungewöhnliche Einblicke

LUXEMBURG. Kann ein Drittel einer Oper einen vergnüglichen Abend bescheren? Puccinis Einakter "Gianni Schicchi" erweist sich am "Grand Théâtre" zumindest als spritzig-unterhaltsamer Musiktheater-Quickie.

Puccinis dreiteilige Oper "Trittico" ist ein ziemlich sperriges Werk. Teil Eins ist ein Eifersuchts-Krimi im Schiffer-Milieu, Teil Zwei eine schwüle, komplexbeladene Kloster-Tragödie, und Teil Drei eine turbulente Komödie um Gauner, Gaukler und Erbschleicher. Weil die jeweiligen Stücke nichts miteinander zu tun haben, tun sich Regisseure schwer, ein gemeinsames Handlungskonzept zu finden. Wenn das mal gelingt, wird die Inszenierung gleich zur Legende unter Opern-Freaks, wie die Aufführung von Robert Carsen in Antwerpen.In Luxemburg, wo man ein gutes Auge für legendäre Produktionen hat, wollte man sich diesen Leckerbissen nicht entgehen lassen. Für das komplette "Trittico" reichten die Kapazitäten aber offenbar nicht, und so beschränkte man sich auf den komödiantischen Teil "Gianni Schicchi". Quasi eine üppige Nachspeise, unter Verzicht auf Hors d'oeuvre und Hauptgang.So kommt Carsens Konzept etwas unvermittelt daher. Er lässt die Zuschauer an einer Generalprobe teilhaben, so als wäre man versehentlich einen Abend zu früh gekommen. Der Regisseur schimpft übers Licht, streitet mit der Diva, schiebt Kulissen hin und her. Die Akteure kommen in Straßenkleidung, kostümieren sich erst auf der Bühne. Am Ende muss der arme, gestresste Spielleiter für einen ausfallenden Akteur noch die tragende Rolle einer Leiche übernehmen.Im Antwerpener Original entwickelt sich diese Doppelbödigkeit langsam von Stück zu Stück, in Luxemburg geht es notgedrungen holterdipolter. Und macht trotzdem Spaß. Das Publikum verzeichnet ein paar Momente der Irritation, bevor es sich auf die Deutung einlässt - dann aber richtig.Die Geschichte selbst ist bestes Boulevard-Theater. Der alte Donati ist tot, seine bucklige Verwandschaft sieht das pralle Erbe entschwinden. Man fragt beim listigen Bauern Gianni Schicchi um Rat, der schlägt vor, er könne den Toten einfach doubeln und beim senilen Notar ein Testament nach Maß verfassen. Gesagt, getan - nur dass der Gauner Schicchi sich am Ende selbst zum lachenden Haupterben einsetzt.Das ist im Grand Théâtre flott gespielt und ordentlich gesungen, wenn man auch den krankheitsbedingt fehlenden Weltstar José van Dam vermisst, der in der Titelrolle dem gut einstündigen Abend internationalen Glanz verleihen sollte.Sein Vertreter Ramón de Andrés singt ebenso respektabel wie Anna Ryberg, die als Lauretta mit "O mio babbino caro" den einzigen Ohrwurm der Oper im Repertoire hat. Serghej Homov, kurzfristig als Rinuccio eingesprungen, braucht einige Zeit, bevor seine ansehnliche Tenorstimme sich freigesungen hat. Das Orchester unter Julian Reynolds kann sich hören lassen, leidet aber auch ein wenig unter dem "Kaltstart". Wenn man diesseits und jenseits des Grabens so richtig gut drauf ist, ist die Sache schon vorbei.Am Ende freundlicher Beifall, vom allgegenwärtigen Regisseur begleitend inszeniert. Ein Opernabend mit ungewöhnlichen Einblicken. Weitere Aufführungen 16. und 17. Januar, 20 Uhr. Karten: 00352/4708951 oder Abendkasse. Infos: www.theater-vdl.lu