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Uni-Präsident Jäckel über Fontane, Freiheit und die Gefühlswelt

Gesellschaft : Frühlingserwachen – erneut recht beschwerlich

Uni-Präsident Michael Jäckel über Fontane, Freiheit und die Gefühlswelt der Menschen in der Pandemie.

In seinem Gedicht „Frühling“ schrieb Theodor Fontane: „Sie konnten ihn all erwarten kaum, nun treiben sie Schuss auf Schuss; im Garten der alte Apfelbaum, er sträubt sich, aber er muss.“ Diese Beschreibung des Frühlingserwachens scheint auch den momentanen gesellschaftlichen Gefühlshaushalt zu treffen. Der Himmel weitet sich, dem Wort Freiheit wachsen Flügel. Die Gesellschaft möchte wieder laufen lernen. Die Gedanken sprießen, der Möglichkeitssinn wird angeregt, die Rückkehr an Orte, die ruhen mussten, wird vermehrt artikuliert, Stufenpläne wettern um die Gunst von Zielgruppen, alles ist auf Rückkehr programmiert. Zugleich ist allen bewusst, dass nach wie vor Vorsicht geboten ist. Am Horizont meint man einen Hoffnungsschimmer zu sehen, aber: „Das Stück vom Lenz wird später aufgeführt. Was machen wir nur mit den Eintrittskarten?“, würde Erich Kästner heute fragen.

 Die Rückkehr ist ein Phänomen mit vielen Gesichtern: Wer lange auf Reisen war, kehrt in seine Heimat zurück und schwankt für eine gewisse Zeit zwischen Heim- und Fernweh. Aber stets hat es etwas von einer Wiedereingliederung in eine nicht unbekannte Umwelt. So geht es auch Menschen, die krankheitsbedingt lange pausieren mussten, oder, weil sie gegen ein Gesetz verstoßen haben, als Resozialisierungskandidat der Gesellschaft wieder anvertraut werden. Wenige Wochen nach Beginn dieser Pandemie war allen klar, dass sich hier auch ein gesellschaftliches Großexperiment mit der Dramaturgie, die ein unsichtbarer Regisseur bestimmt, vollzieht.

Wer morgens aufwacht und beim Verlassen des Hauses eine Maske anzieht, bekommt mehr und mehr den Eindruck, Teil einer Endlosserie zu sein, die ein Wartedrama aufführt. Wer die Maske versehentlich vergisst, fällt gleichsam aus der Rolle. Selten hat sich unsere Umwelt so kontrollbewusst gezeigt. Dieses Moment der Vernachlässigung zeigt: Die Leute haben mehr und mehr das Gefühl, sich unentwegt in eine Schlange einreihen zu müssen, die immer länger wird. Das Warten hat in unseren Gesellschaften durchaus auch eine positive Bedeutung, weil Vorfreude auf die Verbesserung von Verhältnissen oder die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches damit verbunden wird. In dieser Pandemie ist uns die Vorfreude eher abhandengekommen.

Der tägliche Appell, sich bei Laune zu halten, ist hinsichtlich des Spektrums der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten schon seit langem erschöpft. Die komische Lyrik antwortet darauf mit: „Mein Leben ist ein Un, es hängt an diesem Ding. Ach, hätt ich einen Wun, Ich würd‘ vor Freude schring!“

Im Unterschied zu den eben beschriebenen Einzelfällen, für die wir bestimmte Musterverläufe beschreiben können, erfassen solche langanhaltenden Krisen ein Kollektiv, das für Beeinflussungen anfällig ist und sich gelegentlich in Mehrheitswahrnehmungen täuscht. Stürzen sich also die Menschen, wenn ihnen neue Freiheiten in Aussicht gestellt werden, mit Elan in das neue alte Leben? Oder nehmen sie aus der Krise auch ein wenig Demut, Zurückhaltung und Nachdenklichkeit mit? Natürlich möchte man wieder etwas erleben, aber vielleicht wird die Freude an der Rückkehr in den Alltag auch dadurch gesteigert, dass der Weg dorthin behutsam gegangen wird.

Vieles spricht dafür, dass ein Lob der Routine auch in Pandemiezeiten ausgesprochen wird und sich das Arrangement mit den vielen Krisensymptomen in mehr oder weniger festen Mustern des täglichen Ablaufs niederschlägt. Die Gesellschaft benötigt für diesen Umstieg sozusagen auch eine eigene Rüstzeit. Wer die Bilder in den Nachrichten sieht, mag zu einem anderen Ergebnis kommen. Aber die Welt besteht nicht nur aus sonnigen Plätzen mit hohem Erholungswert. Vermehrt hören wir nun auch von unterschiedlichen Dauer­belastungen (gesundheitlich, ökonomisch), die aus der Kontinuität dieses anderen Alltags hervorgegangen sind.

Vor einem Jahr war auch die kaum vorstellbare Zunahme einer Aufhebung des Trennens von Wohnen und Arbeiten nicht Teil neuer Arbeitsorganisationsmodelle. Was von dieser Veränderung bleibt, ergibt sich nicht von selbst. Man denke aber auch an den leeren Kalender, der nun langsam wieder gefüllt werden möchte. Die vielen Vereine beispielsweise arbeiten schon seit langem an Plänen zur Reintegration ihrer Mitglieder. Manche sorgen sich, ob diejenigen, die ihnen vor der Pandemie treu geblieben sind, wieder den Weg zu ihnen finden.

Lange Phasen eines verordneten Rückzugs führen hier und da auch zu „Gemütlichkeitsstrukturen“, die zunächst wieder aufgebrochen werden müssen: „Die Gewohnheit ist ein Seil.“

Das kollektive Stoppschild zu Beginn der Pandemie wird immer häufiger übersehen. Das sind die Begleiterscheinungen eines Zeitmanagements ohne Fernziel. Dies vor Ostern festzustellen, hat etwas Außergewöhnliches, denn Ostern ist für die Christenheit das Fest von Leiden und Auferstehung. Übertragen auf die Pandemie folgt daraus: Wann endet dieses so andere Leben, und wann beginnt das alte zurückzukehren oder gegebenenfalls auch neu zu sein? Die Antwort wird erneut verschoben. Und Wilhelm Busch hat offenbar unvermindert recht: „Es ist das Osterfest alljährlich für den Hasen recht beschwerlich.“

 Der Gastautor ist Professor für Soziologe mit Schwerpunkt Konsum- und Kommunikationsforschung an der Universität Trier. Seit 2011 ist er deren Präsident.
Der Gastautor ist Professor für Soziologe mit Schwerpunkt Konsum- und Kommunikationsforschung an der Universität Trier. Seit 2011 ist er deren Präsident. Foto: dpa/-

Die wettbewerbliche Behutsamkeit, die nun aufseiten der Politik im Zusammenhang mit Öffnungsszenarien an den Tag gelegt wird, soll erneut auch Steuerungskompetenz demonstrieren. Im Jahr 2020 fiel die Öffnung mit dem Beginn des Sommers zusammen, im Jahr 2021 haben bereits die ersten Frühlingssignale das Erwachen beschleunigt. Da sollte man am Ende doch noch einmal Theodor Fontane zu Wort kommen lassen, auch wenn der April schon mit uns scherzt: „Wohl zögert auch das alte Herz und atmet noch nicht frei; es bangt und sorgt: Es ist erst März, und März ist noch nicht Mai.“ Oder, mit Heinz Erhardt, und mit hoffentlich unzutreffender Schlussfolgerung: „Nun freu ich mich auf Pfingsten – nicht im geringsten!“ Michael Jäckel