Unterm Strich - Die Kulturwoche

Unterm Strich - Die Kulturwoche

Kann man sich einen typischeren Dirigenten vorstellen? Wallendes weißes Haupthaar, unendliche Repertoire-Kenntnisse, biblisches Alter - und musikalisch immer auf der Höhe der Zeit. Siegfried Köhler ist am Dienstag 90 geworden, der Ehrendirigent der Trierer Philharmoniker, Geburtshelfer der Antikenfestspiele, Garant vieler Konzert-Sternstunden am Augustinerhof.

GMD war er in Saarbrücken und Wiesbaden, Königlicher Hofkapellmeister in Stockholm, Partner unglaublich vieler Größen der Opernwelt. Und dazu ein Mensch mit augenzwinkerndem Humor, aufgeschlossen für Neues, ohne Dünkel gegenüber der leichteren Muse. Ein Meister der kleinen, präzisen Geste, ein Motivationskünstler ohne Animateursgebaren. Und eine schier unerschöpfliche Quelle von Anekdoten. Derzeit erholt er sich daheim in Wiesbaden von den Folgen eines Sturzes. Wäre schön, wenn man ihn noch einmal in Trier erleben könnte. Und noch ein charismatischer Kapellmeister: Kent Nagano ist am Mittwoch mit einer Parsifal-Aufführung als Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper verabschiedet worden. Das Publikum huldigte ihm mit demonstrativen Ovationen, derweil Intendant Nikolaus Bachler nach dem letzten Ton den Saal verließ. Finaler Akt eines bajuwarischen Intrigantenstadels, bei dem Nagano gegen Bachler den Kürzeren zog. Der Amerikaner mit japanischen Wurzeln wechselt nach Hamburg, dafür kommt Bayreuth-Shootingstar Kirill Pe trenko an die Isar. Während Bayreuth im Bilderspektakel versinkt, zeigt Salzburg, dass man Oper auch originell und frisch zeigen kann, ohne sie auf Oberflächlichkeiten zu reduzieren. Damiano Michieletto lässt Verdis "Falstaff" im Sänger-Altersheim Casa Verdi spielen, als Fantasie eines alten, schwergewichtigen Sängers (Ambrogio Maestri). Buhfreier Jubel für alle Akteure der Komödie, auch für die Wiener Philharmoniker unter Zubin Mehta. Bei Ausstellungen pflegt man nicht zu jubeln, da zeigt sich die Begeisterung in der Besucherzahl. 100 000 kamen in die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen zur Schau über Macht und Leidenschaft der Medicis, die am Sonntag zu Ende ging. Und weil\'s so schön war, geht es in der Quadratestadt gleich weiter: Am 8. September startet eine Doppelausstellung über die Wittelsbacher am Rhein im Museum Zeughaus und im Barockschloss Mannheim. Manchmal braucht es auch einen Preis, um einem Künstler die verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. So wie bei der Schriftstellerin Anna Kuschnarowa aus Leipzig und ihren Jugendroman "Kinshasa Dreams" über das Schicksal illegaler Flüchtlinge in Deutschland. Am Montag wurde bekannt, dass sie dafür den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher erhält. Dieter Lintz Weitere TV-Kolumnen auf www.volksfreund.de/kolumne