Unterm Strich - Die Kulturwoche

Unterm Strich - Die Kulturwoche

Meinung Von Freundeskreisen, Frankenkönigen, Fegefeuern und Filmfesten Sieben Jahre muss ein Normalbürger im Durchschnitt seine Kartenpetition in Bayreuth einreichen, bis er darauf hoffen kann, ein Ticket für die Festspiele gewährt zu bekommen. Der Bundesrechnungshof hatte nun moniert, dass nicht einmal die Hälfte der Plätze in den freien Verkauf gehe, sondern unter Freundeskreisen, Sponsoren und Promigästen verteilt würde.

Die Festspiel-Freunde haben im Gegenzug nun Klartext geredet: Immerhin steuerten sie einen erheblichen Teil des Budgets bei, da sei eine Vorzugsbehandlung gerechtfertigt. Ansonsten, so teilte man am Dienstag mit, werde die Spendenbereitschaft wohl drastisch sinken. In feinen Kreisen nennt man so was nicht Erpressung. Da nennt man auch die 600 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses nicht Geldverschwendung. An der Museumsinsel wurde am Mittwoch ein 30 Meter hoher Pavillon in Betrieb genommen, der über das Giganto-Projekt informieren und Spenden sammeln soll. Allerdings sind bisher statt 80 Millionen Euro nur 15 Millionen gespendet worden. Vielleicht sollte man für später kostenlose Eintrittskarten in Aussicht stellen. Ganz ohne besondere Beziehungen kann man bis Ende Oktober im Naumburger Dom und an weiteren Plätzen 500 Exponate aus dem Mittelalter sehen. Schöpfer ist der bis heute namentlich unbekannte "Naumburger Meister", dessen Skulpturen im 13. Jahrhundert die großen Kathedralen Europas zierten. Uta und Ekkehard sind eh vor Ort, Frankenkönig Childebert kommt aus dem Louvre. Das Fegefeuer gehörte zu den Lieblingsthemen des Meisters. Die neueste Choreographie von John Neumeier, die am Sonntag in Hamburg uraufgeführt wurde, heißt "Purgatorio" - eben: Fegefeuer. Doch Neumeier denkt dabei nicht an ein Gottesgericht, sondern an die Hölle der Eifersucht, die der Komponist Gustav Mahler durchlitt, als er hinter das Verhältnis seiner Frau Alma mit dem jungen Architekten Walter Gropius kam. Neumeier hat daraus ein Tanzdrama gemacht, unterlegt mit Mahlers Zehnter und Orchesterliedern seiner Frau. Das Publikum in der Hamburger Staatsoper war restlos begeistert. Mahler starb vor 100 Jahren, dem Wahn nahe. 15 Jahre später kam Hans-Werner Henze zur Welt, der als größter deutschsprachiger Komponist unserer Tage gilt. Von Barock bis Zwölfton, von Strauss bis Jazz, von Oper bis Oratorium reicht sein Spektrum. In der Nähe von Rom, wo er seit 50 Jahren in den Albaner Bergen lebt, feiert Hans-Werner Henze heute seinen 85. Geburtstag. Erst 22 ist der Hamburger Filmregisseur Timo Rositzki, der beim Filmfest München den Kurzfilmpreis abräumen konnte. Das bringt nicht nur ein Hollywood-Stipendium, sondern auch einen Platz in den Film-Geschichtsbüchern neben John Malkovich, der in München den Cinemerit-Preis erhielt. Fest in den Pop-Annalen der "Nuller-Jahre" ist der Hamburger Musiker Jan Delay verankert. Nun will er den Stil wechseln: Nach Funk und Disco will er nun parallel ein Hip-Hop und - man höre und staune - ein Rock-Album herausbringen. Schlips und Anzug kommen in den Schrank - jetzt ist die Lederjacke dran. Dieter Lintz