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Unterm Strich - Die Kulturwoche

Dass Kultur nicht zu allen Zeiten so friedlich, freundlich und zahm wie heute war, ist wohl allgemein bekannt. In manchen alten Kulturen gehörte es eben zur künstlerischen Verschönerung einer Tempelanlage, Abbildungen von rituellen (Menschen-)Opferungen in die Wände zu meißeln, auch die explizite Bebilderung von antiken Freudenhäusern gehört zum kulturellen Erbe.

Eines dieser antiken Kultur-Events versucht erneut Fuß zu fassen in unserer modernen Gesellschaft: Wilde Tiere, im Speziellen hier Tiger, die Menschen aus anderen Ländern fressen. Bei den Römern einst fester Bestandteil des gehobenen Abendprogramms. Die Berliner Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit versucht mittels dieses antiken Bildes in ihrer Kunstaktion "Flüchtlinge Fressen", die Bundesregierung unter Druck zu setzen. Die Künstler wollen eine Änderung im Aufenthaltsgesetz erreichen, und um der Provokation die Krone aufzusetzen, haben sie vor dem Maxim Gorki Theater eine Arena mit lebenden Tigern aufgebaut. Die syrische Schauspielerin May Skaf könnte, sofern es der Gruppe nicht gelingt, bis zum 28. Juni 100 Syrer mit dem Flugzeug von der Türkei nach Deutschland bringen zu lassen, eine der ersten Flüchtlinge sein, die sich freiwillig verfüttern lassen. Und wo man schon dabei ist, Kunst und Kultur von ihrem gewohnten Platz zu entfernen und an einem anderen in neuer Wirkung wiederauferstehen zu lassen: In Düsseldorf ist der Kunstsammler Gil Bronner nun endgültig mit seiner Sammlung "Philara" in die Industriehallen einer ehemaligen Glasfabrik gezogen. Zwei Jahre hat er für den Umbau gebraucht, nun dürfen sich die Werke etablierter Künstler wie Thomas Ruff, Katharina Fritsch, Tomás Saraceno, Alicja Kwade oder Kris Martin, aber auch von Nachwuchskünstlern aus dem Umkreis der Düsseldorfer Kunstakademie, auf 1700 Quadratmetern Industriefläche heimisch fühlen. Heimisch darf sich auch Kinderbuchautorin Joanne K. Rowling wieder fühlen. Mit der Übersetzung des Theaterstückes "Harry Potter und das verwunschene Kind. Teil eins und zwei" kommt am 24. September eine weitere Geschichte um den (nun erwachsenen) Zauberlehrling auf den hungrigen Markt. Was als Version für die Bühne begann, könnte sich, laut Ankündigung der Autorin, die nach der siebenbändigen Reihe nur noch mäßige Erfolge hatte, in Zukunft zu einem weiteren Buch auswachsen. Bühnenstücke zu Literatur-Bestsellern sind scheinbar der neue Trend: "Der Medicus" feierte in Fulda vor knapp 700 Zuschauern seine Musical-Uraufführungspremiere im Schlosstheater. Der Erfolg mag vielleicht nicht nur an den Sängern, Schauspielern und Tänzern liegen, sondern vielleicht auch am, zwar mittelalterlich entrückten, doch hochmodernen Stoff. Medicus Rob Cole möchte seinem Traum folgen und zum Medizinstudium nach Persien reisen. Um dies tun zu können, muss er seine Religion und seine vertraute Kultur zurücklassen. Produzent Peter Scholz versprach vor der Uraufführung eine packende Geschichte über die Koexistenz der Kulturen und die Macht von Wissen und Liebe. Um die Koexistenz von Kulturen geht es auch grade in Berlin. Kunst und Kultur machen es sich jetzt zur Aufgabe, einen Weg zu finden, miteinander zu leben, eben eine Existenz mit und neben dem anderen zu führen. Die alten Römer haben es sich da verhältnismäßig einfach gemacht: Die Koexistenz war so lange vorhanden, bis der Tiger den anderen vertilgt hatte. Danach gab es nur noch die eigene Existenz. Der fahle Beigeschmack, den wir moderne Menschen bei solchen Aktionen haben, gehört eben mit zum Statement: So wollen wir's bitte nicht mehr. Liebe Politik, da fällt uns allen doch noch was Besseres ein, oder? Das Bundesinnenministerium nennt die Aktion vor dem Maxim Gorki Theater "zynisch", der Bezirk Berlin Mitte hat nun eventuell das Totschlagsargument für die Aktion: "Falschanmeldung". Die Tiger seien ja gar nicht das Problem, eher, dass die Aktion als Informationsveranstaltung angemeldet gewesen sei, nun aber eine politische Provokation daraus wurde. Da wäre ja die Polizei als Anmelder zuständig gewesen. Der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner fasst die Aktion zusammen: "Die Aufgabe von Kunst ist nicht, bequem zu sein." Na gut, Herr Renner. Aber richtig angemeldet sollte sie ja schon sein. dpa/sbra