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Uraufführung im Kasino: Alexander May inszeniert „Brigitte Bordeaux“ von Sergej Gößner.

Theater : Bruce Jenner von der Mosel

Uraufführung im Kasino: Alexander May inszeniert „Brigitte Bordeaux“ von Sergej Gößner.

Beim Auskundschaften neuer Repräsentationsformen hat das Theater Trier den Alkohol entdeckt. Und die feine Küche. Deshalb sind die Tische im Kasino am Kornmarkt festlich gedeckt. Besuchern des Stückes wird dringend empfohlen, das Auto zu Hause zu lassen. Denn es wird kräftig eingeschenkt.

Doch der Reihe nach. Herbert Trevis (Klaus Michael Nix), Eigentümer des gleichnamigen Weinguts an der Mosel, schockiert seine Familie (Martin Geisen als entgeisterter Sohn und Marie Scharf als krei­schende Schwiegertochter) mit der Bekanntmachung, dass er ab sofort als Frau namens Brigitte durchs Leben gehen will. Das Dorf ist entsetzt, der Gesangsverein, in dessen Vorstand Herbert/Brigitte sitzt, ebenfalls. Nur die Ehefrau (Barbara Ullmann als ganz coole Winzergattin) nimmt das alles mit schnoddriger Gelassenheit hin – sogar die Ankündigung, dass ihre Frau die nächste Weinprinzessin werden will. Da mag einem der US-Sportler Bruce Jenner einfallen, der sich geschlechtsumwandeln und fortan Caitlyn Jenner nennen ließ. Das ist aber auch die einzige Parallele. Der Rest ist trinken.

Alexander May hatte die Idee, den Lebenssaft der Region durch ein eigens für das Theater Trier geschriebenes Stück fließen zu lassen. Das Ergebnis ist „Brigitte Bordeaux“ von Sergej Gößner, die Geschichte einer Geschlechtsumwandlung in Steillage. Es ist eine eigentümliche Melange aus Theaterstück mit einem ebenso ernsten wie aktuellen Anliegen, musikalischen Einlagen (geliefert von Anja Morell), Weinprobe samt Weinseminar, gehalten vom Leiwener Winzer Claus Junk, einem Drei-Gänge-Menü und Gesellschaftskritik mit Gender-Diskussion als Auslöser. Hätte man das Stück nicht diesen versierten Schauspieler(inne)n anvertraut, das Experiment wäre wohl als moselanisches Bauerntheater krachend gescheitert.

Mays Regie bemüht sich nach Kräften, diese Klippe zu umschiffen. In Kostümen (Lorena Diaz Stephens), die sowohl an die Commedia dell’arte als auch an geschlechtsverwischte Berliner Nachtclubs der 1920er Jahre erinnern, agiert das mannweibliche bzw. weibmännliche Quartett (Morell ist überwiegend für die musikalische Begleitung und die nicht immer souveräne Moderation zuständig) wie aufgezogene Puppen mit uhrwerkgesteuerten, eckigen Bewegungen und überzogenen Reaktionen wie aus dem Schülertheater: Verfremdungseffekt auf Trierisch. Zu diesem trägt auch bei, dass der theatralische „flow“ immer wieder unterbrochen wird, weil die Gläser neu gefüllt werden.

So plätschert „Brigitte Bordeaux“ mit einigen mimischen Glanzstücken (Marie Scharf und Anja Morell als moralisierende Dorfbewohnerinnen; Martin Geisen als bräsiger Ortsbürgermeister, Barbara Ullmann als abgeklärte Gattin einer Frau), jedoch auch mit einigen Längen vor sich hin, und man schielt schon auf den Programmzettel nach dem letzten Wein der Verkostung, als es unvermittelt richtig herzerwärmend wird. Herbert/Brigitte erzählt den Zuschauern nämlich, warum er/sie diesen ganzen Geschlechtszinnober veranstaltet: Er/Sie will etwas wiedergutmachen. Klaus-Michael Nix’ Monolog ist ein anrührendes Beispiel dafür, wie man im Handumdrehen wieder stocknüchtern werden kann. Kaum hat man sich von dieser emotionalen Bombe erholt, wartet Gößner mit einem weiteren Knalleffekt auf: Eine sehr blonde Diseuse, die kurz zuvor noch ein Diseur war, beendet die Show mit einer hinreißenden Interpretation von Charles Aznavours Hymne an die Frauen, „She“. Dass sie/er nur lippensynchron zum Gesang von Anja Morell agiert, merkt man erst fast am Ende des Chansons.

Woher diese Diseuse auf einmal kommt und was Herbert/Brigitte eigentlich wiedergutzumachen hat? Das zu berichten hieße, die Pointe von „Brigitte Bordeaux“ zu verraten. Den Weinen und dem Essen täte diese Information zwar keinen Abbruch, aber das Stück selbst verlöre dann gewiss an Bukett und Aroma.

Vorstellungsorte und Daten: www.theater-trier.de; Karten: 0651/718-1818.