1. Region
  2. Kultur

Uraufführung Jugendchor des Theaters Trier zeigt „Generation Z(H)ero“

Trier : „Seid nicht länger leise!“

Uraufführung von „Generation Z(H)ero“ im Trierer Theater: Der Jugendchor setzt sich mit der Identität der sogenannten Post-Millenials“ auseinander.

Gut, dass sich die Open-Air-Frage für „Generation Z(H)ero“ schon erledigt hatte! Mit der Uraufführung seiner Produktion zog der Jugendchor des Trierer Theaters unter Leitung von Chordirektor Martin Folz am Freitag auf die Bühne des großen Hauses und konnte den coronabeschränkt rund 220 Besuchern lautstark und ohne Rücksicht auf Nachbarn zeigen, was an Kreativität und politischem Potenzial in ihnen steckt. Im ursprünglich vorgesehenen Theatergarten hätten die rund 40 Akteure nicht so ungeniert und selbstbewusst auf die Pauke hauen können wie im geschlossenen Theater.

Laut musste es werden – alles andere hätte die Botschaft der jungen Leute konterkariert. Schließlich waren die Jugendlichen selbst das Thema des Stücks, das gattungsmäßig so recht in keine Schublade passt und Elemente aus Musical, Schauspiel und Tanz vereint: Was macht die „Generation Z“ aus, die heute die Jugend ist? Was treibt die „Post-Millennials“ an, die aufgewachsen sind mit Handy, Instagram und Klimakrise, aber auch den ewig ungelösten Problemen von Sexismus, Fremdenhass und Homophobie? „Zero“ spielt an auf die Geburt in den Nuller-Jahren, setzt Assoziationen von „Null Bock auf Politik“ frei oder „Null Zukunft durch Klimawandel“, aber auch das genaue Gegenteil. 

„Was steckt in der Generation –  Zero oder Hero?“, fragt denn auch der schmissige Talkmaster Georg Listing (Martin Geisen) in der als Rahmenhandlung angelegten Late Night Show. Seine Gäste auf der Bühne sind alles andere als unpolitisch: Aktivistin Luca Senkenberg (Anne Harden),  die Fridays for future gegen landläufige Abwertungen (Schulschwänzen) verteidigt, Influencerin Julia  Schöning (Eva Otto), die den alltäglichen Sexismus anprangert, die junge Sängerin Tara Wedel (Esther Heimann), die beim Karrierestart im Pop-Business in die Cybermobbing-Falle gerät, Verhaltenspsychologin Luana Afewerki (Johanna Lehnert), die für alle Probleme gute Ratschläge hat, und schließlich Quotenmann Horst Meier (Tayo Scholz), der als angegraut langhaariger Alt-68er dramaturgisch den Gegenpart zu all den engagierten jungen Gutmenschen spielen soll, allerdings mit seinen flachen Sprüchen (T-Shirt-Aufschrift: „Meier hat Eier“) keinen ernstzunehmenden Gegenspieler zur Jugend abgibt (Gesamtleitung Regie und Ausstattung: Stephan Vanecek, Regieassistenz: Emma Heger, Dramaturgie: Lara Fritz, Philipp Matthias Müller).

Anders als in den Fernsehtalks ist die Bühne im Theater keine statische Sitzung. Hier wird, immer wieder in andersfarbiges Licht getaucht (Beleuchtung: Anne-Kathrein Mier), getanzt, gerapt, gesungen und in Szene gesetzt, begleitet von der mitreißenden Band von Stephan Baumbach (Gitarre), Marco Lehnertz (Keyboard), Dirk Klinkhammer (Bass), Christoph Traxel (Drums) und Martin Folz (Keyboard und Leitung). Ist im Eingangsrap („laberlaberlaber – Sonntagsreden werden überhaupt nichts bewegen ...“) der Chor ohne Mikro noch zu leise ausgesteuert und der medienkritische Text schwer zu verstehen, fordern die weiteren, meist eingängigen Songs – ob selbst geschrieben, umgetextet oder gecovert – das Publikum immer wieder zu Szenenapplaus heraus und legen einige Sänger beeindruckende, stimmlich vielversprechende Solo-Auftritte hin: anrührend das Duo Maike (Isabelle Lenz) und Helen (Heloíse Neuberg) mit ihrem Coming-on-Age-Thema in „Say something“ von Christina Aguilera, voll unbändiger Energie die Abrechnung des schwulen Jungen Jonas (Leonard Junkes) mit seinem demütigend-homophoben Vater Chris (Stephan Baumbach), beeindruckend das anspruchsvolle „I dreamed a Dream“ (Esther Heimann) und glänzend auch die junge Sängerin Tara, gegen die während ihres Auftritts brutale Hasskommentare eingeblendet werden, bis sie zusammenbricht.

Wie in den Fernsehshows von Will, Lanz & Co. üblich, spielen die Akteure auf die große Leinwand hinter der Bühne mehrfach Filme ein, darunter das Video-Kunstprojekt „Arts for future“ von Trierer Schülern, Statements von Jugendlichen über ihre Erfahrungen mit Rassismus oder Bilder aus Libyen, wo, wie vielerorts auf der Welt, Kinder zu Soldaten rekrutiert werden. „Was können wir tun?“ singen dann die jungen Leute auf der Bühne und liefern klare Antworten, die alle einen Tenor haben: Seid nicht länger leise, wenn ihr Ungerechtigkeiten seht, „erhebt eure Stimme!“ Ziemlich viel Hero also in der „Gen Z“!

Ein Jahr lang hat der Jugendchor diese Produktion über Corona hinweg erarbeitet, lange Zeit nur online, unterstützt von den Profis des Theaters. Als am Freitag zum Schluss das komplette Team die Ärzte-Hymne „Deine Schuld“ schmettert, da steht auch das Publikum auf und klatscht stürmisch mit – getoppt noch einmal von der noch mehr aufgedrehten Zugabe: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt“.

 Spieglein, Spieglein: Bin ich so fies, wie die Hasskommentare im Netz behaupten? Die beeindruckende Szene der Sängerin Tara spielen Clara Folz und Zarah Moyal, dazu singt Elena Geibel „Human“.
Spieglein, Spieglein: Bin ich so fies, wie die Hasskommentare im Netz behaupten? Die beeindruckende Szene der Sängerin Tara spielen Clara Folz und Zarah Moyal, dazu singt Elena Geibel „Human“. Foto: Marco Piecuch

Nächste Aufführung: 14. Juli, 19.30 Uhr.