Urrrmeliiiii!

BERLIN. Der Klassiker "Urmel aus dem Eis" kommt ins Kino, als liebevoll und zeitgemäß animierter Trickfilm aus dem Computer. Der Trierische Volksfreund sprach mit den Comedy-Stars Anke Engelke, die die Schweinedame Wutz spricht, und Wigald Boning, dem gutmütigen Professor Habakuk Tibatong.

Frau Engelke, Herr Boning, welche Fernseh-Erinnerungen verbinden Sie mit "Urmel aus dem Eis"? Boning: Natürlich die "Augsburger Puppenkiste". Ich habe das "Urmel" allerdings zuerst in Buchform kennen gelernt, die "Puppenkiste" kam erst später. Das "Urmel" ist eines dieser Wesen, die in mir die Erinnerung an eine glückliche Kindheit unter den Dunstschwaden der Mülldeponie Oldenburg-Osterburg hervorrufen. Engelke: Ich nahm Buch und "Puppenkiste" parallel wahr. Damals habe ich schon beim ZDF Kinderfernsehen gemacht und diverse Serien anmoderiert. Deshalb habe ich einen großen Fächer an Kindersendungen sehr bewusst wahrgenommen, von "Heidi" über "Captain Future" bis "Black Beauty". Ich war sozusagen eine Kinderserien-Verkäuferin. Boning: Damals war ich mit Anja befreundet. Sie musste immer weg, wenn "Black Beauty" kam. Da hat sie dich also gesehen.Engelke: Das muss man sich mal vorstellen, mit wie vielen Menschen ich aufgewachsen bin - und sie mit mir! Frau Engelke, warum wurden Sie ausgerechnet zum Schwein? Engelke: Ich habe mich über diese Besetzung auch ein bisschen gewundert. Ich dachte immer, man müsste dazu auch diese Physis mitbringen, um ein gewisses sprachliches Volumen zu erreichen. Auch die charakterliche Schnittmenge ist denkbar klein, eigentlich nicht vorhanden. Wutz ist eine verbitterte, kleine Sau, sie ist jähzornig und ausfallend und hat darüber hinaus einen Ordnungsfimmel, den sie als Nacktputzerin auslebt. Das finden Sie bei mir aber wirklich nirgendwo. Herr Boning, der Professor entspricht schon eher Ihrem aktuellen Image. Wie kamen Sie zu Ihrer Show "Clever"? Boning: Irgendwann klingelte das Telefon und SAT.1 war dran: ,Hätten Sie Lust, gemeinsam mit Barbara Eligmann eine Wissenschaftsshow zu moderieren?' Da habe ich laut gelacht, ,Ja' gesagt und aufgelegt. Die Frage war unter verschiedenen Gesichtspunkten merkwürdig. Barbara Eligmann, eine bezaubernde Kollegin, wurde bei ,Samstag Nacht' in großem Maßstab veralbert. Und mir, dessen schwächste Fächer in der Schule nachweislich Physik und Chemie waren, eine Wissenschaftsshow anzubieten, war schon lustig. SAT.1 gestattet es mir nun, meine Wissenslücken zu schließen. Und der Kittel steht mir sehr gut. Eine tolle Filmfigur ist der Seelefant, der ständig in Melancholie badet. Können Sie in Ihrem Leben melancholische Momente genießen? Boning: Das habe ich mit fast 40 gelernt. Ich finde solche Momente jetzt schön. Engelke: Wigald wohnt im Allgäu. Er zieht die Wanderschuhe an, geht den Berg hoch, setzt sich hin und guckt fünf Stunden am Stück geradeaus. Boning: Dann kommt plötzlich der Begriff von der Vergänglichkeit hinzu. Man ist in seinem eigenen Caspar-David-Friedrich-Gemälde. Und dann stellt man fest, dass schon das Knie knackt. Um nur ein Beispiel zu nennen. Ich habe eine ganze Reihe polnischer Vorfahren. Neulich habe ich mich mit meiner Mutter darüber unterhalten, weil ich auf meine alten Tage verschiedene Dinge für mich entdeckt habe. Chopin zum Beispiel fand ich immer widerlich, die Verwendung der Musik von Eric Satie bei irgendwelchen Dokumentationen hielt ich für eine Zeiterscheinung der 80er. Mittlerweile kann ich mich an Beiden sehr ergötzen. Meine Mutter ist davon überzeugt, dass das mit dem Wissen um die polnischen Wurzeln zusammenhängt. Verfolgen Sie Ihre Kinokarrieren weiter? Engelke: Synchronisation hat viel mit Schauspielerei zutun, auch wenn man uns später nicht sieht. Im Kino passieren immer mal Sachen, allerdings meistens kleinere. Ich konnte bei der Fortsetzung von "Der Wixxer" leider nicht mitmachen. Ich wäre auch nicht in meiner Rolle aus dem ersten Teil wiedergekommen. Es gab tolle Ideen und die Bücher waren schon geschrieben, aber es hat zeitlich nicht geklappt. Ich sehe mich nicht als große Kinoschauspielerin. Boning: Ich habe schon in vier Kinofilmen mitgewirkt, die allesamt nicht völlige Flops waren, sondern zum Teil auch schwere ästhetische Mängel aufwiesen. Der beste Film war "Hard Days, Hard Nights" von Horst Königstein aus 1988. Tolle Schauspieler, aber leider war das Werk viel zu lang geraten. Und von da ging es bergab mit meinen Filmen. "Die Drei von der Tankstelle" war noch nicht der Endpunkt, aber ich will nichts weiter sagen, der Kollege ist zu lieb. Ich habe erst jetzt, nach zehn Jahren, wieder ein Kinodrehbuch geschickt bekommen. Wenn ich noch einmal einen Kinofilm mache, dann muss der so toll sein, dass ich für ihn alles sausen lasse. Liegt zwischen dem Professor und der Sau ein erotisches Knistern in der Luft? War da früher mal etwas? Boning: Ein guter Gedanke, aber ich habe ihn bei meiner Rollenformung nicht integriert. Tibatong erscheint mir recht unkörperlich. Wenn man von einer platonischen Verbindung sprechen will, dann besteht diese eher zwischen Tibatong und Urmel. Das Urmel wird zu seiner Leidenschaft, Titabong zum Vaterersatz. Engelke: Das ist ja interessant, das ist japanisch-krank gedacht. Aber uns hat diese Vorstellung nicht beschäftigt. j Das Gespräch führte TV-Mitarbeiter André Wesche