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Ute Bales Roman Gesteinsabbau „Vom letzten Tag ein Stück“ Wöllersberg

Literatur : „So ein Berg darf niemandem gehören“

„Vom letzten Tag ein Stück“ heißt der neue Roman von Ute Bales. Mit dem Abbau der vulkanischen Eifelberge widmet sich die aus der Nähe von Gerolstein stammende Schriftstellerin einer geschundenen Landschaft.

Schwere Stoffe sind wir gewohnt von Ute Bales. Ihre Romane handeln vom Elend der obdachlosen Gertrud Feiler, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hausierend durch die Eifeldörfer zieht („Kamillenblumen“), vom Misstrauen der Menschen im Maardorf Schalkenmehren gegenüber dem Maler Pitt Kreuzberg („Unter dem großen Himmel“), vom schweren, aber tapferen Leben einer Düsseldorfer Kunsthändlerin („Großes Ey“), von den Gräueln, die in der NS-Zeit an den Sinti und Roma begangen werden („Bitten der Vögel im Winter“). Bei allem traurigen Hintergrund aber lieben Ute Bales’ Leser ihre Fabulierkunst und ihren Wortschatz, wissen um ihre akribischen Recherchen und detailreichen Schilderungen, schätzen ihren liebevollen Blick auf  ausgegrenzte Menschen.

   In ihrem achten Roman „Vom letzten Tag ein Stück“, Mitte März beim Rhein-Mosel-Verlag in Zell erschienen, geht es um die geschundene Natur und Landschaft. Und zwar ganz konkret und real am Beispiel des Abbaus der vulkanischen Berge in der Eifel. Hier werden seit Jahrzehnten Lava und Basalt für schnelles Geld und maximalen Profit ausgebeutet. So geschehen auch am Wöllersberg in Lissingen, einem Stadtteil der „Brunnenstadt“ Gerolstein und dem Heimatort von Ute Bales. Als Ich-Erzählerin zeichnet sie zunächst das Bild des Dorfes in den 1960er Jahren: wie die Menschen mit Nutzgärten und kleinen Landwirtschaften leben, wie sie „schaffen gehen“ und zur Kirche.

   Zentrale Figur der Romanhandlung ist der mit der Ich-Erzählerin befreundete, zwei Jahre ältere Bertram, später ein Aussteiger, der sich schon als Jugendlicher für die Landschaft, die Natur, die Berge und die Pflanzen interessiert. Von seinem Vater stammte der Satz: „Wer einer Herde hinterherläuft, läuft Ärschen hinterher“. Vom Vater hatte er die Abneigung gegen große Städte, Supermärkte, moderne Tierhaltung, enge Legebatterien und die Ablehnung von Pflanzenschutzmitteln und Kunstdünger. In Bertrams Familie werden Kleider aufgetragen und Essensreste aufgewärmt – „nicht aus reiner Sparsamkeit, sondern als Lebenseinstellung“, wie Bales schreibt. Es sei ein Verfall der Welt, dass Menschen sich anmaßen würden, alles zu besitzen, über alles zu verfügen, über Meer und Luft, über Tiere und Pflanzen, selbst über unsere Berge, lässt sie Bertram philosophieren. Und dass jeder Eingriff des Menschen in die Natur eine Kettenreaktion auslöse, lässt sie ihn warnen. Sie selbst verlässt ihr Heimatdorf Richtung Süddeutschland, Bertram bleibt, sie schreiben sich, und sie besucht ihn bei jeder Rückkehr.

   Als die Wettenfeld Lava GmbH den Lissinger Bauern Felder und Wiesen am Wöllersberg abkauft und dieser zum Abbau von Basalt und Lava freigegeben wird, wächst Bertrams Zorn. „So ein Berg“, sagt er, „darf nicht einem gehören, auch nicht allen, sondern – niemandem.“ Parallel zur Teilnahme an Demos und dem Verfassen von Flugblättern sowie Briefen an die Verantwortlichen sucht er am Berg nach seltenen Pflanzen- und Tierarten und hofft, so den Abbau aufhalten zu können. Als in einem Frühjahr der Ginster nicht mehr blüht und Bertram einen Bach nicht mehr findet, verschwindet er spurlos.

    „Ich hätte ihm gewünscht, dass er gehört worden wäre“, heißt es im Roman mit Blick auf Bertram. Und: „Einer schiebt es dem anderen in die Schuhe.“ Wobei: Bales nimmt keine Schuldzuweisungen vor. Sie schildert entlang einer Beziehungsgeschichte und mit ihren umfassenden Kenntnissen von den Vorgängen in der Natur das Verschwinden eines Berges. Was höchst lesenswert ist, aber zuweilen auch wehtut und sowieso nachdenklich macht.

Zumal offenkundig wird, und das ist real, dass die meisten Bewohner das Verschwinden und die unseligen Veränderungen keineswegs so tragisch nehmen wie die Autorin selbst.