Verdi im Tarnanzug

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten produzieren die Theater der Partnerstädte Trier und Metz wieder eine Oper gemeinsam. Verdis "Macbeth", in deutsch-französisch-internationaler Zusammenarbeit entstanden, feiert am Sonntag (19.30 Uhr) im Theater Trier Premiere. Ob wieder eine Tradition daraus wird, bleibt bis auf weiteres offen.

Trier. Wer sich an die letzte große Koproduktion Trier-Metz erinnern will, braucht schon ein exzellentes Gedächtnis - oder gut sortierte Unterlagen. So wie der langjährige Trierer Kulturdezernent Walter Blankenburg. 1980 war es, mit Offenbachs Komödie "Ritter Blaubart", als eine bewährte Tradition endete. Das Publikumsinteresse habe nachgelassen, erinnert sich Blankenburg, man habe Geld sparen wollen - und irgendwann existierten wohl auch keine freundschaftlichen Bande mehr, wie einst zwischen ihm und seinem Metzer Kollegen Remy Tritschler.

Lange herrschte Eiszeit zwischen den Theatern. "Keine Ahnung, warum", sagt der Metzer Intendant Eric Chevalier. Vielleicht, so vermutet er, wegen der unterschiedlichen Theater-Systeme. Die Deutschen haben Häuser mit festen Ensembles und großem Abonnenten-Stamm, in Frankreich werden die Künstler für jede Produktion neu zusammengestellt und müssen ihr Publikum erst einmal finden. Konsequenz: Bei "Macbeth" hat Chevalier drei Vorstellungen angesetzt, in Trier sind es elf.

Auch die unterschiedliche Bürokratie fordert ihren Tribut. Selbst bei simplen Fragen wie der Fahrkostenabrechnung der französischen Chorsänger. "Da müssen wir uns gleich noch zusammensetzen", sagt Gerhard Weber zu seinem Kollegen.

Die Chemie zwischen den Chefs scheint zu stimmen. Beide haben etwa zur gleichen Zeit in ihren Häusern begonnen, beide haben im langen Schatten etablierter Vorgänger neue Akzente gesetzt - das schweißt zusammen. So konnte man auch schnell Einigkeit bei der Arbeitsverteilung erzielen: Regie führt Weber, das Bühnenbild kommt vom Franzosen Claude Stephan, es dirigiert der in Metz geborene Trierer Generalmusikdirektor Victor Puhl. Das Orchester stellt Trier, den Chor beide gemeinsam. Nur die Titelrolle übernimmt vor Ort jeweils ein unterschiedlicher Sänger.

Auf den Gängen des Theaters wird bei den Schlussproben entsprechend viel mit Händen und Füßen geredet. 40 Chorsänger wieseln in Tarn-Kampfanzügen, Putzfrauen-Kluft oder Cheerleader-Outfit durch die Gegend. Lady Macbeth als blondierte Schlampe, ihr Mann im Jürgen-von-der-Lippe-Gedächtnishemd: Dieser "Macbeth" spielt offenkundig auf dem Flughafen und am Strand einer Bananenrepublik. Unübersehbar, dass Weber einen modernen Interpretationsansatz gewählt hat.

Ob das den Franzosen gefällt, deren Theatergeschmack zumindest außerhalb der Metropolen als eher konservativ gilt? Die Frage amüsiert Intendant Chevalier: "Höchste Zeit, dass unser Publikum so was mal kennen lernt." Dass es nun gerade Verdis "Macbeth" ist, sei eher Zufall: "Das hatten beide Häuser schon lange nicht mehr auf dem Programm."

Dass Koproduktionen, wie Kulturpolitiker gerne vermuten, kostensenkend wirken, können die Theaterchefs nicht bestätigen. Wohl aber, dass die Doppel-Nutzung kleineren Häusern auch mal größere Sprünge erlaubt. Ob mit weiteren gemeinsamen Projekten zu rechnen ist? "Wir sind erstmal froh, dass wir nach zwei Jahren so weit gekommen sind", betont der Franzose, "aber warum nicht?". Das könnte freilich Zweckoptimismus sein. Denn in Metz wird gerade heftig an einer Fusion mit dem weitaus größeren Theater in Nancy gewerkelt. Und dann wäre der Weg nach Trier ein ganzes Stück weiter.

Extra

Verdis "Macbeth" nach dem Schauspiel von Shakespeare ist zwar nicht so populär wie "Aida" oder "La Traviata", gilt aber als eine der bedeutendsten Opern des italienischen Komponisten. Das musikalische Konzept aus einem Guss, die dichte Atmosphäre, die enge Verzahnung von Handlung und Musik machen "Macbeth" zum Meisterwerk. Auch wenn es keine Schlager-Arien gibt, haben die Haupt-Akteure, allen voran Lady Macbeth, großartige Bravour-Stücke. Es geht um die Geschichte des Feldherrn Macbeth, dem Hexen prophezeien, dass er einst König von Schottland wird. Angetrieben von seiner ehrgeizigen Frau tötet er daraufhin den amtierenden König samt dem potenziellen Konkurrenten Banquo und übernimmt den Thron. Doch der Mord rächt sich: Die Lady verfällt dem Wahnsinn, Macbeth wird von den Nachkommen der Ermordeten in der Schlacht getötet. Wegen der grundsätzlichen Fragestellungen und der großartigen literarischen Vorlage wird "Macbeth" oft zeitgenössisch interpretiert. In Trier singen Laszlo Lukacs und Vera Wenkert die Hauptrollen, in weiteren Rollen sind Pawel Czekala und Svetislav Stojanovic zu sehen. Die Kostüme hat Ulli Kremer entworfen, das Bühnenbild stammt von Claude Stephan. Regie führt Intendant Gerhard Weber, die musikalische Leitung hat Gerhard Puhl. 26., 28. September; 1., 17., 24., 30. Oktober; 3., 7., 14. November; 3., 5. Dezember (mit deutschen Übertiteln).