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Vergangenheit wird Gegenwart

Vergangenheit wird Gegenwart

An die legendäre Ausdruckstänzerin Dore Hoyer erinnert die neue Produktion der Company Susanne Linke am Theater Trier. Nicht nur das: Hoyers rekonstruierte Choreographie "Afectos Humanos" hat Ballettchefin Susanne Linke weitergedacht und auf ihre Wirkung untersucht und damit die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschlagen.

Trier. Die Bühne liegt im Dämmerlicht. Rechts in der Ecke steht ein Kleiderständer. Eine Frau im Body eilt zum Ständer, nimmt ein Gewand herunter und zieht es an. Das Licht wird heller. Der Frauenkörper fängt an, sich im Tanz zu bewegen. Etwas später beginnt im schwarz-weißen Video der Bühnenwand eine andere weibliche Gestalt zu tanzen. Der reale Außenraum der Bühne erweitert sich zur Innenwelt der Erinnerung. Was hier verhandelt wird, ist schon nach diesen ersten wenigen Bildern klar. Es geht um Erinnerungsarbeit. Diesmal ist es eine Frauengestalt mit ihrer Körpersprache und ihren Zeitgewändern, die durch den Körper der Tänzerin auf der Bühne und ihre Bewegungen neuerlich vergegenwärtigt werden. In ihrer "Hommage à Dore Hoyer" hat Susanne Linke die Choreographie "Afectos Humanos", der großen, in Dresden geborenen Ausdruckstänzerin rekonstruiert. Hoyer bezieht sich darin auf die Ethik des Philosophen Baruch de Spinoza und seine Affekten-Lehre. Linkes Rekonstruktion ist nicht die einzige des historischen Tanzstücks. Allerdings hat die Berliner Choreographin die ursprüngliche Fassung um eigene "Effekte" erweitert, die Spinozas Affekte nach ihrer Meinung verursachen. Hoyer, die von 1911-1967 lebte und mit der Linke im Mary-Wigman-Studio in Berlin arbeitete, gehört zu den großen Leitfiguren der Trierer Ballettchefin.
Mit Renate Graziadei hat Linke eine ausdrucksstarke Solotänzerin mit enormer Bühnenpräsenz für die "Afektos Humanos" gewonnen. Kongenial vermittelt die Berlinerin mit ihren bis in die Fingerspitzen präzisen Bewegungen die spröde, minimalistische Bild- und Bewegungssprache des Existenzialismus aus der Entstehungszeit der Choreographie. Die eingespielten Videos (Videos: Johannes Conen) mit Dore Hoyer und ihren Original-Tanzszenen, halten das Stück in der Schwebe zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Wunderbar vermag Graziadei das Fremde und Museale zu vermitteln, das jeder historischen Rekonstruktion innewohnt. Auch die Körpersprache der Berliner Tänzerin ist historisch informiert, aber notwendigerweise nicht historisch authentisch. In ihr verdichten sich die Gegenwart der eigenen Körperlichkeit und ihrer Energie mit den Vorgaben der Vergangenheit zum eindrucksvollen Erinnerungsort. Dessen fesselnder Sprache bleibt untrennbar das Fremde, Museale anhaften. Um Eitelkeit, Begierde, Hass, Angst und Liebe geht es in Hoyer und Spinozas Affekten.
Unterstützt von der kontrastreichen Musik (Sound Design und Komposition: Wolfgang Bley Borkowski) verkörpern Luiza Braz Batista und Paul Hess ein Liebespaar im Strudel ihrer Leidenschaften. Darin verdichten sich Zärtlichkeit, Begierde und Gewalt zum großartigen, affekt- geladenen Szenario. Frisch, kraftvoll und voll emotionaler Energie leben die beiden Tänzer ihren Part. Ihre ausdrucksvolle Bewegungssprache, bei der sich die Glieder bisweilen zu Skulpturen verdrehen, ist jung und zeitgenössisch und steht im erfrischenden Kontrast zur historischen Stilisierung.
Sterile, weiße Endzeitwüste


In "Effekte" schließlich schafft Susanne Linke eine klinisch sterile kontaminierte Welt, in der ein Geigerzähler das wichtigste Instrument ist. Da wirkt das opulent aufgebaute Mahl wie ein altmeisterliches Vanitas-Bild, das die Hinfälligkeit der Welt noch unterstreicht. In dieser sterilen weißen Endzeit-Wüste, die an das Szenario eines Beckett-Dramas erinnert, bleiben auch menschliche Wärme und Emotionalität auf der Strecke. Lucyna Zwolinska und Sergey Zhukov tanzen anrührend ein Paar zwischen Technokratie und dem vergeblichen Wunsch nach Annäherung. Eine eindrückliche Produktion, deren Tänzer über Körpersprache und Bewegung Denk-und Erinnerungsräume schaffen und jede Menge Anstöße zur Auseinandersetzung geben. Langanhaltender Applaus von den 300 Zuschauern.