"Verweilen lernen"

Trier · Schwellen zur Kunst abbauen: Das ist Ziel des gemeinsamen Projekts der graphischen Sammlung der Universität Trier und der Europäischen Kunstakademie. Der Plan ist grundsätzlich verdienstvoll. Die praktische Umsetzung nicht unproblematisch.

Trier. Die Kunst in Trier nimmt am Nahverkehr teil. Stephan Brakensiek und Gabriele Lohberg haben zur Heilig-Rock-Wallfahrt Originalwerke von Künstlern der Europäischen Kunstakademie und Blätter der graphischen Sammlung der Universität Trier zur Verfügung gestellt. Dem Kustos der graphischen Sammlung und der Leiterin der Kunstakademie geht es darum, Schwellenängste gegenüber der Kunst abzubauen und Kunstbegegnung für jedermann zu ermöglichen. Die angestrebte künstlerische Zusammenführung von Kunst und Bevölkerung ist in ihrer Grundidee ein durchaus verdienstvolles Projekt, muss doch - wie der Philosoph Hans-Georg Gadamer zurecht bemerkt - Kunst "Bildungsprivilegien überschreiten". Allesamt sind die zeitgenössischen Kunstbeiträge qualitätvoll. Darunter sind Fotografien, Zeichnungen, Radierungen und Malerei. Ein Teil der Künstler setzt sich mit Themen der Wallfahrt auseinander. Wie Claus Bach, der in seiner Fotoarbeit "Helenas Zimmer" die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt. Geradezu mystisch kommt Roland Haas Fotografie "Kreuzjoch" daher. Zauberhaft: die an Traumszenen erinnernden Fotoarbeiten "Défilée IV und V" von Cony Theis. Reizvoll sind die gezeigten Druckgrafiken aus dem Zeitraum 1650 bis 1925. Genau bei ihnen beginnt die Problematik des Projekts, stellen doch grafische Blätter hohe Ansprüche an den Schutz vor Licht und Luftfeuchtigkeit. Alles Bedingungen, die in einem womöglich noch überfüllten Linienbus nicht zu leisten sind. Und noch eins: Kunst wirklich begegnen, ihr Wesen zu erfassen heißt (auch hier sei Gadamer noch einmal zitiert), "verweilen lernen". Auch das dürfte in einem Linienbus, der seine drängelnden Fahrgäste im Alltagsgeschäft von einem Ort zum anderen bringt, schwer möglich sein. Was bleibt, sind bestenfalls ein touristischer Blick und die unbestritten gute Absicht. er