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Videokunst, Soundcollage und Schauspiel: Multimediaperformance über Sophie Scholl in der Tufa Trier

Rollenwechsel: Judith Kriebel liest aus dem Tagebuch von Inge Scholl vor – die Projektion im Hintergrund zeigt deren Schwester, die Widerstandskämpferin Sophie Scholl. TV-Foto: Mechthild Schneiders
Rollenwechsel: Judith Kriebel liest aus dem Tagebuch von Inge Scholl vor – die Projektion im Hintergrund zeigt deren Schwester, die Widerstandskämpferin Sophie Scholl. TV-Foto: Mechthild Schneiders FOTO: mechi (wh_wst )
Trier. Sie wollen nicht schweigend zusehen, sie wollen wach machen und stärken. Genau wie Sophie Scholl, der Alexander Ourth und Judith Kriebel vom Kulturlabor Trier mit ihrer Multimediaperformance ein lebendiges Denkmal setzen wollen: eine wichtige Botschaft in Zeiten wiedererstarkender rechter Kräfte in Politik und Gesellschaft. Mechthild Schneiders

Asylanten sind faul und kriminell. Und überhaupt sind sie an allem schuld. Sündenböcke sind immer schnell gefunden, egal wofür - Minderheiten sind da ganz beliebt. Heute sind es Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen und in Deutschland Frieden suchen, von 1933 bis 1945 waren es die Juden, die von den deutschen Machthabern bis in den Tod verfolgt wurden. Im November 1938 brannten Synagogen - heute brennen Asylantenheime.

Ganz vergleichbar sind die Zeiten nicht. Aber dass die Themen Nationalsozialismus und der Widerstand gegen ein unsoziales und unmenschliches System so schnell aktuell werden könnten, das haben Alexander Ourth und Judith Kriebel vom Verein Kulturlabor nicht gedacht, als sie Sophie Scholl als Protagonistin für ein neues Projekt ausgewählt haben. Das war im Sommer 2015. Inzwischen sitzt die rechtspopulistische "Alternative für Deutschland" (AfD) in neun Landtagen und wurde bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag zweitstärkste Fraktion.

"Wir wollten etwas über die Nazizeit machen", sagt Regisseur Alexander Ourth, ehemaliger Schauspieler am Theater Trier, "und waren schnell bei Anne Frank und Sophie Scholl." Zuerst sei es die Idee gewesen, ein Monolog-Stück zu inszenieren. "Als ich es geschrieben habe, war mir schnell klar, dass es mehr braucht." Eine Erzählerstimme, Dialoge, verschiedene Figuren wie Politiker, Freunde und Mitglieder der Scholl-Familie.

Judith Kriebel, bekannt durch ihre Inszenierungen von "Gott des Gemetzels" und "Mutter Courage" am Theater Trier, schlüpft in verschiedene Rollen. Und Ourth ist nicht nur Regisseur und Erzähler, sondern zugleich Schauspieler, VJ und DJ (Video-Jockey und Disc-Jockey). Wer seine Inszenierungen kennt, weiß, dass er gerne multimedial arbeitet. Und so kommen originale Tonaufnahmen, Fotos und Filmausschnitte zum Einsatz. Ein multimediales Cross-over-Experiment, wie Ourth es nennt.

Deshalb ist das Stück, das am Freitag, 9. September, in der Tufa Trier Premiere feiert, - aber nicht nur - für Jugendliche ab Klasse zehn gedacht.

Als Grundlage dienen Ourth und Kriebel Briefe von und an Sophie Scholl sowie das Tagebuch ihrer Schwester Inge, aber auch historische Dokumente und Verordnungen sowie Musik und Gedichte wie etwa von Manfred Hausmann (1898-1986). "Ich hätte versuchen können, ein Stück über die Widerstandskämpferin zu schreiben", sagt Ourth. "Aber es ist viel spannender, Originaltexte zu nehmen." "Sophie Scholl" ist kein Werk nur über die junge Widerstandskämpferin der Weißen Rose, die, 21-jährig, am 22. Februar 1943 vom Naziregime umgebracht worden ist. Das Stück setzt die junge Frau in ihren zeitlichen Kontext. Versucht auch zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass Hitler an die Macht kam, warum Jugendliche begeistert bei Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM) mitgemacht haben.

"Jugend führt Jugend", das klingt doch verlockend. Nur unter Gleichaltrigen, ganz ohne Erwachsene. Und dazu Abenteuer erleben, Sport treiben, draußen sein. Wer will da nicht dazugehören? Auch Sophie und ihr Bruder Hans sind mit Eifer dabei, werden sogar Scharführer. Sie rebellieren gegen ihre Eltern, die Hitler und seiner Nazi-Partei (NSDAP) kritisch gegenüberstehen.

Irgendwann merken sie: Alles Lüge. Nicht die jungen Leute selbst, Erwachsene bestimmen, was gespielt wird. Sie werden getrimmt - auf ihre Rolle als Soldat oder Mutter. Und sollen - genauso wie zuvor die Parteien - gleichgeschaltet werden. Aus innerer Abwehr wird bei Hans und Sophie Widerstand. Der Rest ist Geschichte.

Weitere Termine: 11. (18 Uhr), 16., 17. September (19.30 Uhr), Tufa Trier. Karten: 10 Euro, TV-Service-Center Trier. Schulen: 12.,13.,14.,15.,16. September (10 Uhr), Info: E-Mail judith.kriebel@kulturlabor-trier.de