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Viel Energie und nordische Klänge aus Italien

Viel Energie und nordische Klänge aus Italien

Giulia Biagetti kommt aus dem italienischen Lucca und spielt vor 140 Besuchern an der Trierer Domorgel wie eine Norddeutsche: streng, gradlinig, auf Transparenz und Deutlichkeit angelegt. Manchmal freilich bleibt sie etwas kurz angebunden. Norddeutsch eben.

Trier. Wer bei einer Organistin aus dem Mutterland des Belcanto sangselige Italianitá erwartet hatte, wurde schon von den ersten Klängen aus allen mediterranen Träumen gerissen. Giulia Biagetti überfiel die Hörer im neobarocken Laufwerk einer Toccata von Gaston Belier mit enormer Energie und beeindruckender Präsenz. Da spielte jemand entschieden und erfolgreich gegen alle Klischees an. Biagetti hatte zudem für das Orgelkonzert im Trierer Dom einige Raritäten im Notenkoffer: Musik, über die sich auch das sonst zuverlässige "Handbuch Orgelmusik" beharrlich ausschweigt. Gewiss: Die Werke von Belier (1863-1938), Denis Bedard (geboren 1950), Jan Zwart (1877-1937) und Bonaventura Somma (1893-1960) sind reichlich epigonal und bewegen sich qualitativ nur im Mittelfeld. Aber wenn Giulia Biagetti auf der Orgelbank sitzt, dann gewinnen sogar sie Profil - und die bis zur Stilkopie an Bach orientierten Orgelkompositionen von Camille Saint-Saens ohnehin.
Die italienische Organistin kommt ohne romantische Gefühlsseligkeit aus, versteht sich auch im halligen Dom auf Klarheit und Kontur und bevorzugt eine helle, wenn man will: "norddeutsche" Klanggebung. Wie schön, dass auf der Domorgel auch solch ein Klangideal realisierbar ist! Und weil Biagetti auch ein Gefühl für die zarten Stimmen am Klais-Instrument mitbringt, greift ihre Interpretation auch bei unverkennbar französischer Stilistik wie in Denis Bedards "Suite Liturgique", einer Art musikalischem Gottesdienst im Kleinformat.
Nur bei den Choralbearbeitungen und der Toccata von Max Reger wurde es des Guten zu viel. Über die wunderbar introvertierte Innigkeit von "Ach bleib mit deiner Gnade" spielt Biagetti munter und etwas unsensibel hinweg, und die Toccata erhält bei ihr deutlich zu wenig Statur und rauscht vorbei, kaum dass sie angefangen hat.
Solche Defizite blieben indes Ausnahmen: Mit Bonaventura Sommas "Toccata" und deren Anklängen an Viernes "Carillon de Westminster" fand Biagetti wieder zurück zu ihrer gewohnten Brillanz.