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Viel Lärm um nichts

Viel Lärm um nichts

Das einem Wirbelsturm gleichende Rauschen im Blätterwald ließ Heftigstes vermuten, aber um es gleich vorneweg zu sagen: Die Papst-Satire "Popetown" lohnt nicht die geringste Aufregung, weder bei den eifernden Kritikern noch bei den eifrigen Verteidigern.

Man muss sie halt nur mal gesehen haben, um sagen zu können, dass man sie nicht gesehen haben muss. MTV zog alle Register der Selbstinszenierung, bettete die netto 20 Minuten Comic in 70 Minuten "Newsmag special" mit zähflüssigen Live-Diskussionen ein, was - zumindest in der Kernzielgruppe U 21 - der "Konkurrenz" bei Viva erheblich steigende Einschaltquoten gebracht haben dürfte. Experten sagten noch einmal das, was in den letzten Wochen ohnehin im Übermaß gesagt worden war, und eine ziemlich blonde Aushilfs-Moderatorin stammelte Sätze wie "Wir haben uns bei Künstlern umgefragt", während sie versuchte, das heimische Publikum zu Diskussionsbeiträgen zu animieren - obwohl bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand das Objekt der Streitigkeiten gesehen hatte. Nach fast einer halben Stunde nervigem Vorgeplänkel - man kam sich schon vor wie beim Boxen oder der Formel Eins - dann endlich die erste Popetown-Folge. Was man sieht, ist weniger eine veritable, genau gezielte Satire als ein passabel gezeichneter, stellenweise pfiffig gesprochener Cartoon. Er verulkt den Vatikan, in dem ein Kleinkind als Papst regiert, umgeben von geschäftstüchtigen Kardinälen, die am Swimmingpool residieren, allerlei Hofschranzen, einer mäßig intelligenten Ordensschwester und - weil jeder Comic auch nette Protagonisten braucht - einem recht sympathischen Kaplan. Das Ganze ist so überdreht und weit weg von jeder Realität, dass man sich eigentlich nur beleidigt fühlen kann, wenn man Dagobert Duck auch als unerträglichen Angriff auf die Integrität jedes selbstständigen Unternehmers begreift. Jesus Christus, Gott oder der Glaube kommen gar nicht vor, jedenfalls nicht in dieser Folge der Serie. Man macht sich nicht über den Glauben lustig, sondern über sein Bodenpersonal. Und dass ein Papst heute auch zum Objekt von schräger Comedy werden kann, ist die unvermeidliche Kehrseite des Umstands, dass die Kirche diese Institution in den letzten 20 Jahren bewusst zum medialen Event hat werden lassen. Bei Papst Paul VI. wäre "Popetown" schwerlich denkbar gewesen, aber der fuhr auch nicht mit dem Papamobil durch die Gegend, küsste nicht bei 200 Reisen den Boden des Gastlandes und ließ keine Massenspektakel bei Weltjugendtagen inszenieren. So widmet sich denn auch der wirklich satirische Teil der Zeichentrick-Serie eher den Begleiterscheinungen, ist mehr eine Persiflage auf den Papst-Rummel als auf den Papst selbst. Ein bisschen Medienkritik steckt auch drin, freilich so plakativ und dünnblütig, dass sie erwachsene Zuschauer eher unterfordert. Natürlich ist es trotzdem jedermanns gutes Recht, sich trotzdem beleidigt zu fühlen, wenn er so etwas sieht. Aber man muss den Fernseher ja auch nicht einschalten. Eine Gefährdung der Allgemeinheit, vor der man die Menschen durch ein Ausstrahlungsverbot schützen müsste, lässt sich beim besten Willen nicht erkennen. Anders übrigens als bei der "Jesus-Anzeige", mit der MTV gezielt provokativ für die Sendung warb, und der man nicht aus dem Weg gehen konnte, weil sie einen auf den Seiten von Zeitschriften regelrecht ansprang. Unterm Strich: Mit "Popetown" kann man leben. Der Menschheit entginge aber auch nichts, wenn MTV freiwillig auf eine Ausstrahlung verzichten würde. Aber letzteres könnte man wahrscheinlich von 80 Prozent aller Fernsehsendungen sagen. Dieter Lintz