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Viel zu schön zum Wegbleiben

Viel zu schön zum Wegbleiben

Ein klassisches Konzert ohne Populäres zum Mitsummen - ob das wohl gutgehen kann? Im 4. Trierer Sinfoniekonzert hat das sogar sehr gut funktioniert - künstlerisch und nicht zuletzt bei der Publikumsresonanz.

So viel Zufriedenheit gab es selten nach einem Sinfoniekonzert. Auf der Bühne applaudierten sich Dirigent Victor Puhl und die Trierer Philharmoniker gegenseitig, im Publikum wurden Bravorufe laut und beim Hinausgehen hieß es allgemein, so schön habe man sich dieses Programm nun wirklich nicht vorgestellt.

Das hat natürlich mit der Musik zu tun. Milhaud, Barber, Chausson und Schostakowitsch klingen viel interessanter, als eingeschworene Anhänger klassisch-romantischer Sinfonik glauben mögen. Es hat aber nicht zuletzt zu tun mit den Musikern. Das Philharmonische Orchester Trier, ein "Arbeitsorchester", das zwischen Oper, Operette, Musical, Ballett, Schauspielmusik, Sinfonik und Serenadenkonzerten alles abdeckt, was zur kulturellen Grundversorgung gehört - dieses Orchester bewies, wie flexibel es sein kann, wenn nur der Richtige vorn am Pult steht.

Milhauds Ballettmusik "La Création du Monde", eine Mischung aus Provokation und Feierlichkeit, aus Johannespassion und Zirkus: Schlagzeug, Bläser und die solistischen Streicher musizieren sie beweglich, ausgefeilt in den Klangfarben und nur selten mit kleinen Unsicherheiten. Und Victor Puhl verzichtet auf alle forcierten Pointierungen, lässt die Musik fließen. Samuel Barbers Violinkonzert: Solist Lyonel Schmit fügt sich mit starkem, flexiblen Ton und vorzüglicher Intonation ein in das dichte Netz der Orchesterstimmen. Solist und Orchester kultivieren einen gefühlvollen Klassizismus, zuweilen filmmusikalisch-anschaulich, aber von sinfonischem Auftrumpfen frei. Wieder ganz anders Ernest Chaussons "Poème": Puhl und seine Musiker machen aus dem Werk mit seinem wagnernahen Mischklang ein tönendes Drama - mit energisch ausmusizierten Höhepunkten, aber ohne jede Verliebtheit ins schöne Detail. Und erneut bestechen Lyonel Schmits Souveränität und Sensibilität.

Zum Schluss die 9. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch. Puhl und die Philharmoniker zielen auf den klassizistisch heiteren Tonfall der Komposition. Sogar die Einleitung zum Finale mit den Posaunen-Akzenten und der herrlich tonstark und kultiviert musizierten Fagott-Kadenz bewahrt die Gelassenheit. Das Finale dann servieren Dirigent und Orchester elegant und mit leichter Hand, beschwören den Rossini in Schostakowitsch.

Beschwingt, aber nicht oberflächlich



Nun könnten die Deuter auftreten und monieren, dass die Anspielungen, die Schostakowitsch mitkomponiert hat, kaum zur Geltung kamen - die rhythmischen Widerhaken in der wunderschön geblasenen Klarinetten-Kantilene des zweiten Satzes oder die grotesken Elemente im dritten. Aber die Interpretation wurde bei aller Leichtigkeit nicht oberflächlich. Vielleicht hat es Sinn, sich nicht auf Hintergründe zu kaprizieren, sondern einfach die Musik auszuspielen. Der Erfolg bei den Besuchern jedenfalls gibt Puhl recht. Und trotz des zeitgleichen Abo-Konzerts in Luxemburg war das Theater nahezu voll besetzt. In der Tat: Wegbleiben wäre wirklich schade gewesen.