Konzert: Viele Saiten für die neue Heimat

Konzert : Viele Saiten für die neue Heimat

Englische Musiker sind im 16. und 17. Jahrhundert aufs Festland immigriert. Dort wurden viele zu Stars – ihre Lieder ziehen die Zuhörer des Mosel-Musikfestival-Konzerts „Nachts im Museum“ noch heute in ihren Bann.

Eine tiefe Traurigkeit ruht in jedem Ton. Sie ergreift den Zuhörer noch heute, mehr als 400 Jahre, nachdem die Komposition erstmals zu hören war. Diese Melancholie. Diese Schwermut. Sie macht den Verlust greifbar, den Schmerz um die verlorene Heimat. Denn die Komponisten der Werke, die das Marais Gamben Consort unter dem Titel „How Chances if They Travel – Englische Musiker im Exil“ im Rahmen des Mosel Musikfestivals im Rheinischen Landesmuseum Trier spielt, sind allesamt aus England auf Festland immigriert. Einer der bekanntesten ist John Dowland (1563-1626), der aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen sein Heimatland verließ und in Dänemark bei Christian IV. zum Star avancierte. Seine „Lacrimae Antiquae“ sind gefühlvoll, schwermütig, fast schmerzhaft. Der einzigartige Klang und das polyphone Spiel der sechssaitigen Gamben unterstreicht die Tragik des Stücks.

Doch wer die Heimat verlässt, verliert nicht nur alles. Er gewinnt Neues, bereichert sich. Und so hat Dowland auch leichte, muntere Werke komponiert wie „The King of Denmark‘s Galliard“, einen fröhlichen Tanz. Auch die Galliard, zu Deutsch Gagliarde, ist sozusagen emigriert, stammt sie doch aus Frankreich.

International wird es mit Peter Philips (1561-1628). Der Katholik floh aus England und reiste durch halb Europa. Seine berühmte „Pavana und Galliarda Dolorosa“ soll er im Gefängnis geschrieben haben – er wurde verdächtigt, an einem Komplott gegen Königin Elisabeth I. teilgenommen zu haben. Ingelore Schubert gibt dem mitreißenden Werk am Cembalo eine filigrane, aber gleichzeitig volle Note.

Ein Virtuose des Gambenspiels war Tobias Hume (1569-1645). Als Söldner war er in verschiedenen Ländern in Europa stationiert, und mag man „Captain Hume‘s Lamentations“ Glauben schenken, erging es ihm dabei nicht so gut. Irene Klein, Hans-Georg Kramer (Gamben) und Schubert tragen es sehr gefühlvoll vor, dass man fast mit dem Komponisten mitleidet. Die Melancholie beherrscht auch die Werke von Matthew Locke (1630-1677) und Thomas Simpson (1582-1628). Programmmusik präsentiert das Consort von John Bull (1563-1628), in dem sie die 140 Zuhörer im ausverkauften Landesmuseum mit auf „The King‘s Hunt“ nehmen. Die Gamben imitieren die Hörner, die zur Jagd blasen, dann geht die Verfolgung los, in der die Musiker gefühlvoll mit Lautstärken spielen, bis zum Schluss die Dramatik steigt und das Tier erlegt ist.

Eine Überraschung ist William Brade (1560-1630), der „Mozart der Renaissance“, wie Hans-Georg Kramer, der Leiter des Marais Concorts, ihn bezeichnet. „Er hat genau so engelsgleiche Musik komponiert wie Wolfgang Amadeus und sich genauso schlecht benommen.“ Leicht und lustig klingen die Stücke zu Beginn des Konzerts, kleine Weisen, die zum Tanzen verführen. Aber genau wie Mozart hatte auch Brade, der wie Dowland über Deutschland nach Kopenhagen reiste, seine heitere und seine tragische Seite, seinen „Don Giovanni“, wie Kramer sagt. Seine „Paduana in A“ hat einen vollen, schweren Klang. Fast schluchzen die Gamben vor Sehnsucht. Mit dieser Traurigkeit entlassen Kramer, Schubert, Klein, Brian Franklin und Katharina Holzhey ihr Publikum in die Nacht.

Mehr von Volksfreund