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Viele Striche ergeben ein Bild

TRIER. Ein Strich ist ein Strich ist ein Strich – in der Galerie Palais Walderdorff ist Florian Martens auf der Suche nach einem neuen Bild. ARRAY(0xb8e3858)

Er ist in seinen Strichen gefangen und wer sich auf seine Bilder einlässt, wird es auch. Einen besonders interessanten Künstler zeigt derzeit die Galerie Palais Walderdorff. Dort präsentiert Florian Martens seine asketischen Andachtsbilder. Dem in Bonn lebenden Hamburger war es bei einer Reise in den polnischen Marienwallfahrtsort Lichen gegangen, wie vor über hundert Jahren Rainer Maria Rilke. "Ich weiß wie menschlich sie Madonnen planen", schrieb ernüchtert der Dichter. Für den 1974 in Hamburg geborenen damaligen Diplomanden stand jedenfalls fest: "So kann für mich Marienverehrung nicht aussehen." Ein zeitgenössischer bildkünstlerischer Ausdruck der Andacht musste her. Zunächst war es nur ein Strichkopf, soll heißen: ein zum Strich reduzierter Marienkopf, mit dem der Künstler seinen Bildersturm begann. Inzwischen haben sich die Striche zu einem offenen Bildprogramm verselbständigt. Mehr noch: Sie haben von Florian Martens Besitz ergriffen. Ihre flächendeckenden Zeichen stehen für seine eigene Art der Passion. Fast zwanghaft scheint Martens Strich um Strich zu setzen. "Graphomanie" heißt nicht grundlos der Titel der Schau. "Die Beschäftigung mit den Strichen zwingt mich zur Demut", bekennt der Künstler. Etwas mönchisch Selbstvergessenes, das sich auf den Betrachter überträgt, geht tatsächlich von diesen scheinbar endlosen Folgen aus Strich und Leerstelle aus. Wo der klösterliche Gottsucher dem immer gleichen Rhythmus der Gebetsregel folgt, unterliegt der Bildsucher Martens der unerbittlichen inneren Regel seiner Striche. Den Graphitstift hat der studierte Maler übrigens gewählt, weil er die reduzierteste Art der Darstellung erlaubt. Inzwischen sind aus den Strichköpfen von einst neue Bilder entstanden. Einziges Ornament und Zeichen gestischer Einwirkung ist der Abrieb des Graphits auf den unterschiedlichen Bildträgern. Für die Stirnwand der Galerie hat Martens ein flächendeckendes Wandbild geschaffen. Im ersten Stock hingegen verhüllt eine mit Strich-Muster bedeckte Folie die Mauer. Besonders interessant sind Martens Tafelbilder, deren unterschiedlich strukturierte Strich-Blöcke Eindrücke erzeugen, die ihrerseits bekannte Bilder wie die von Häuserblöcken oder abstrakten Serienbildern zurückrufen. Am schönsten wäre eine Strichbild-Installation über alle vier Wände und an der Decke gewesen. Aber das verbietet in Trier die Architektur. Florian Martens Anspruch an ein "offenes Bild" ist wörtlich gemeint. Den Bleistift verwendet er auch deshalb, weil seinen Spuren jederzeit zu entfernen sind: "Es ist eine erleichternde Vorstellung, dass man einfach drüber gehen kann und alles ist weg." Bis 13. August, Di-Fr 11-13 Uhr und 14-17 Uhr, Sa, So 10-13 Uhr, Galerie Palais Walderdorff, Domfreihof 1b, Trier