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Kultur
Vielleicht kann man Geld doch essen

Joya Ghosh & Friends glänzten bei der Premiere von Top Dogs im ausverkauften Kasino am Kornmarkt. Von Karin Pütz

Top Dogs – das sind die Alphatiere an der Spitze der Nahrungskette in der Arbeitswelt: Topmanager, die sich durch Macht und Geld definieren. Doch auch sie werden vom Markt beherrscht und sind nicht davor gefeit, entlassen zu werden. In Urs Widmers Satire Top Dogs landen diese gescheiterten Existenzen in einem „Outplacement-Center“, um sich „durch den emotionalen Prozess der Enttäuschungsverarbeitung durchzukämpfen“. Mit verschiedenen Therapiemaßnahmen sollen sie für das weitere Arbeitsleben fit gemacht werden. Normaler­weise für acht Darsteller gedacht, sind es beim Regie-Duo Joya Ghosh und Melanie Telle vier Personen, die im 22 Jahre alten und nach wie vor aktuellen Stück von Urs Widmer den demütigenden Prozess des Arbeitsplatz- und Statusverlustes auf die Bühne bringen. Nicht die einzige Besonderheit der Inszenierung: Auf einer Videoleinwand (Video-Artist: Bonko Karadjov) zitiert Triers Karl-Marx-Double Michael Thielen aus verschiedenen Werken von Karl Marx. Im Original von Urs Widmer kommt das nicht vor, und böse Zungen könnten behaupten, dass 2018 kein Theaterstück in Trier ohne Karl Marx auskommt – doch gerade bei Top Dogs passen diese Einlagen des ohnehin collagenhaft angelegten Stücks perfekt zum Thema. Auch die vier Akteure sind mehr als überzeugend: Joya Ghosh, Kathrin Maier, Michael Roller und Jan-Philip Keller agieren mit einer Intensität und Spielstärke, die das Publikum von der ersten Minute in ihren Bann ziehen. In Businesskleidung, jedoch barfüßig, veranschaulichen sie ihr fast bemitleidenswertes Dasein in einer Welt, in der nur der Umsatz zählt. Die bitterböse Satire ist für die Zuschauer wie eine emotionale Achterbahnfahrt: urkomisch, wenn unter dem Bildnis von Sigmund Freud im Rahmen einer Therapiestunde ein Ehepaar im Rollentausch sein Frühstücksritual vorspielt. Und höchst dramatisch, wenn der entlassene Topmanager von der ganzen Tragik des Absturzes aus seinem durch Karriere bestimmten Leben erzählt. Wo vorher noch herzhaftes Lachen und Szenenapplaus im Kasino zu hören waren, herrscht gleich darauf betretenes Schweigen im Saal. Dass man die Verzweiflung der Charaktere fast schon körperlich spürt, ist nicht zuletzt der geschickten Aufteilung der verschiedenen Spielorte im Raum zu verdanken. Neben der Bühne werden auch die Theke und eine Couch im Zuschauerraum genutzt, immer wieder gehen die Akteure während ihres Spiels durch die Reihen. Das lässt das Publikum ganz nah im Geschehen sein – Zwischenapplaus und langanhaltender Beifall am Ende zeigen, dass man neben einem originellen Programmheft und Geldscheinen aus Esspapier viel zum Nachdenken mit nach Hause nehmen kann. So muss Theater sein!

Weitere Vorstellungen: 6. September um 19.30 Uhr, 13. September um 19.30 Uhr, 30. September um 18 Uhr. Karten: ticket-regional.de