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Vier Tage vom Chaos zur Schöpfung

Vier Tage vom Chaos zur Schöpfung

TRIER. Wenn die Zeit der Hauptproben anbricht und die Aufführung näher rückt, erreicht das Premierenfieber im Theater seinen Höhepunkt. Die Schlussproben zu "Paradise of Pain" sind eine Zerreißprobe für die Nerven aller Beteiligten.

Hastig zieht Schauspieler Tim Olrik Stöneberg im verqualmten Treppenhaus an seiner Lampenfieber-Zigarette. Regisseur Holger Hauer rückt die Brille unaufhörlich zwischen Nase und Stirn hin und her. Choreographin Barbara Tartaglia futtert pausenlos Mandarinen und bekreuzigt sich, als der Vorhang aufgeht. Intendant Weber lacht sich lautstark Mut zu. Dabei ist an diesem Abend gar nicht die Premiere, sondern die erste gemeinsame Hauptprobe auf der großen Bühne. Bislang wurde an zehn verschiedenen Baustellen im Haus gearbeitet, jetzt ist die Stunde der Wahrheit. Entsteht aus dem, was Handwerker, Musiker, Darsteller, Tänzer, Techniker, Kostüm- und Maskenbildner in wochenlanger Kleinarbeit zusammengetragen haben, ein stimmiges Bild? Und ist es das, was dem Regisseur und seinem "Leading Team" vorgeschwebt hat? Von der Hauptprobe I an bleiben noch genau drei Abende, um aus dem Stückwerk ein Stück zu fertigen. Bei der Bühnen-Orchesterprobe wird an der Musik gefeilt, die Hauptprobe II gehört noch einmal dem Regisseur, und bei der Generalprobe muss schon alles sitzen. Verdammt wenig Zeit angesichts des Durcheinanders, das an diesem Montagabend noch herrscht. Die komplizierten technischen Abläufe geben den Beteiligten Rätsel auf - immerhin lässt Bühnenbildner Christoph Weyers alles rotieren, schweben, wandern, was die Trierer Bühne zu bieten hat. Das Licht, die Projektionen, die schnellen Auf- und Abbauten, nichts funktioniert, wie es soll. Ein theaterfremder Besucher bekäme einen Herzkasper, die Profis wissen: Das ist normal. In vier Tagen vom Chaos zur Kreation - so schnell geht im Theater Schöpfungsgeschichte. Geschwitzt muss dabei freilich werden, auf der Bühne ebenso wie am Regie-Pult im Zuschauerraum. Nur Komponist Frank Nimsgern, eigens aus München angereist, sitzt scheinbar cool in seinem Theatersessel und zieht wahrscheinlich erste Vergleiche zwischen Trier und der Saarbrücker Uraufführung. "Ich bitte euch alle um Geduld", beschwört der Regisseur seine Akteure, "wir haben schon eine ganze Menge". Dazu gehört der satte Sound, den Techniker Gerd Drücker am Mischpult produziert. Die Musiker sind sichtlich zufrieden, "es läuft rund", sagt der musikalische Leiter Achim Schneider. Auf der Bühne gibt's dagegen noch viele Ecken und Kanten. Der ohnehin bandscheibenlädierte Manfred Paul Hänig landet samt Höllen-Foltergerät fast auf der Unterbühne, als sich ein Podest senkt. Rasch baut man um, wieder eine Unterbrechung. "Heribert, du gibst", ruft Holger Hauer in Richtung des Inspizienten, wenn er will, dass er weitergeht. Und Heribert Schmitt gibt alles, inklusive simulierter Beifallsrufe, damit das Timing optimal abgestimmt werden kann. Fast vier Stunden arbeitet man an diesem Abend für den Premieren-Erfolg. Es geht um viel: Noch ein Musical-Flop in Trier wäre nach Quo vadis schwer zu verkraften. Am Einsatz der Beteiligten hängt es sicher nicht - den Rest entscheidet am Freitag das Publikum. Das Theater geht aufs Ganze: Man hat stolze 16 Vorstellungen angesetzt. Bei Ausstatter Christoph Weyers klingelt das Handy. Kurzes Lauschen, dann ein Jubelruf: "Super, ich kriege Karten für Robbie Williams im Mai." Beruhigend, dass es auch ein Leben nach der Premiere am Freitag gibt.