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Viertes Sinfonie-Konzert lässt im Theater Trier die Pandemie vergessen

Sinfoniekonzert : Klanggewalt und perlende Heiterkeit gegen den Corona-Frust

Das vierte Sinfonie-Konzert lässt im Theater Trier die Pandemie vergessen.

„Unsere Arbeit ist ein ständiger Protest gegen den Todesgedanken und ein Appell an und Bitte um Leben“. Kaum ein Satz über die Motivation künstlerischer Arbeit trifft in diesen Corona-Wochen so den Zeitnerv, wie Carl Nielsens Bekenntnis vor 100 Jahren. Der dänische Komponist ist einer der „Nordlandriesen“ denen gemeinsam mit dem „Götterliebling“ Mozart das Programm des vierten Sinfoniekonzerts des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier jüngst im Theater gewidmet war. Und man darf mit Fug und Recht sagen: Sein Werk war das Spannendste an diesem Abend zwischen sinfonischer Poesie, heiterem musikalischem Parlando und orchestralem Kampf. Doch der Reihe nach mit dem ersten Musik-Riesen aus dem skandinavischen Norden: Von ganz hinten aus dem finnischen Osten kommt als Erster Jean Sibelius mit seiner berühmten „Karelia-Suite“ für Orchester op. 11. Entstanden ist die patriotische Tondichtung als Auftrag einer Studentenverbindung für ein Benefizkonzert. Der Überlieferung nach konnte der Komponist mit dem Honorar zwei Monatsmieten bezahlen. Eine Lage, die in diesen Tagen sicher mancher Künstler nachempfinden kann. Mit einem rauen, dann flirrenden Pianissimo entführten die Streicher ihre Zuhörer zu Beginn in die weite karge karelische Landschaft mit ihren Birkenwäldern. Nach leichten anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten gelang dem Orchester unter Wouter Padbergs präzisem Dirigat mit den schönen Hörnern, der Melancholie der Holzbläser und dem optimistischen Marsch in den drei Sätzen eine ausdrucksstarke Tondichtung.

Finnlands heimliche Nationalhymne, eine Mischung aus „Kampflied und Siegeshymne“ stand mit Sibelius‘ berühmte Tondichtung „Finlandia“ op. 26 auf dem Programm. Mit Klangsinn und Engagement machten der Dirigent und seine Musiker die Stringenz der Komposition zwischen Dramatik und Feierlichkeit erlebbar.

Schließlich der „Götterliebling“ Wolfgang Amadeus Mozart mit seinem Konzert für zwei Klaviere und Orchester in Es-Dur KV 365/ 316a. Ein pianistischer Dialog, bei dem Padberg in die Pianistenrolle wechselte. Als Partnerin saß Sabine Weyer am zweiten Flügel. Auch das beliebte Konzert, das eine Ausnahme in Mozarts Werk darstellt, passt wunderbar in die Verhältnisse der Pandemie. Das Werk, das von der Leichtigkeit des Seins zu erzählen scheint und Optimismus ausstrahlt, entstand in einer schweren Lebenskrise des Komponisten. Ein heiteres Frage-und-Antwort-Spiel entspann sich mit perlenden Läufen und funkelnden Trillern, ein sanfter musikalischer, bisweilen koketter Diskurs, der viel eher auf Gleichklang als auf Wettbewerb oder Kontroverse ausgerichtet war.

Nach der Pause dann mit dem Dänen Carl Nielsen der Höhepunkt des Abends. Den interessanten, hierzulande kaum noch bekannten Komponisten mit seiner Symphonie Nr. 5 op. 50 ins Programm zu nehmen, verdient allein Beifall. Eine Mischung aus Spätromantik, Impressionismus, Schostakowitsch, und ein emanzipiertes Schlagwerk, das geradezu schicksalhaft wirkt, machen die Faszination des überwältigenden Werks aus. Wouter Padberg gelang es, gemeinsam mit den Musikern die Struktur der eigenwilligen Komposition erfassbar zu machen, ebenso wie ihre musikgeschichtlichen Wurzeln. Der Dirigent hielt die Spannung zwischen den an­tagonistischen Kräften der Musik, dem Dunklen und dem Triumphalen, zwischen Überschwang, schriller höhnender Düsternis und feinen Unterströmungen. Bis am Ende alles in einer Art Götterdämmerung endet. Sehr schön: die feinsinnigen Streicher und die Klarinette. Begeisterter Applaus vom Publikum. „Es ist doch großartig, was die Musik mit einem macht“, sagt eine Besucherin beim Verlassen des Saals zu ihrer Begleiterin. Da fällt einem doch gleich Gustav Mahlers Satz ein: „Keine Musik ist etwas wert, von der man dem Hörer zuerst berichten muss, was er zu erleben hat.“