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Vinyl der Woche: Abraxas – Santana

Vinyl der Woche: Abraxas – Santana : Hermann Hesse und die rauchende E-Gitarre

Vor einem halben Jahrhundert erschien Abraxas von Santana. Mit dem Album startete die Erfolgsgeschichte der Latin-Legenden. Was Hermann Hesse mit dem Album zu tun hat.

Samstag, 16. August 1969. Musikkenner wissen, wo wir uns befinden: In White Lake, Bethel, New York. Woodstock. Gegen 14 Uhr betreten Santana die Bühne. Bereits einige Minuten zuvor sorgen die Bühnenbauer für einen besonderen Kniff: Sie verteilen Lattenreste im Publikum, die die Zuhörer im Takt gegeneinander schlagen. Santanas Auftritt wird zu einem der Höhepunkte des Festivals. An diesem 16. August startet eine Latin-Erfolgsgeschichte, die vor 50 Jahren mit der Veröffentlichung von Abraxas ihren musikalischen Höhepunkt erreicht.

Wobei es falsch ist, von einer Latin-Erfolgsgeschichte zu sprechen. Denn bei Abraxas mischen Santana Salsa, Blues, Rock und Jazz zu einem unverkennbaren Cocktail. Diese Mischung sichert ihren Standpunkt als eines der vielseitigsten Projekte der Musikwelt.

Ein Erfolg, an dem auch Deutschland nicht unbeteiligt ist – im weitesten Sinne. Denn der Albumtitel Abraxas wurde von Hermann Hesses Roman Demian beeinflusst. Hesse, der das Werk 1919 unter seinem Pseudonym Emil Sinclair veröffentlicht, kommt auch auf der Rückseite der Platte mit einem Auszug vor: „Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und Dirne, nannte es Abraxas.“ Mit Abraxas bezeichneten ägyptische Gnostiker Basilides, das Symbol des höchsten Urwesens – dargestellt oft mit Schlangenfüßen, Hahnenkopf, Peitsche und Schild.

Diese Körperteile finden sich auf dem Cover nicht. Wobei ... das Artwork ist derart ausgefallen, dass einem auch nach 78-maligem Hinsehen noch neue Details auffallen. Auch hier hat ein Deutscher seine Finger im Spiel: Der Maler Mati Klarwein (geboren 1932 in Hamburg) legt mit seinem Gemälde Annonciation den Grundstein für das Cover – Abraxas zeigt einen Ausschnitt des Klarwein-Werkes.

Auf der Frontseite prangt die schwarze Frau, nach der einer der erfolgreichsten Santana-Hits benannt ist: Black Magic Woman. Wobei es sich dabei „nur“ um eine Coverversion handelt – das Original stammt von Fleetwood Mac. Dennoch: Das von Keyboarder Gregg Rolie gesungene (Frontmann Carlos Santana wagte sich bekanntermaßen nur selten selbst ans Mikrofon) wird ein Welthit – und das vollkommen verdient. Die unfassbare Virtuosität von Carlos Santana – der gefühlt entstehende Rauch, der von den Saiten seiner E-Gitarre durch die Boxen ins heimische Wohnzimmer wandert – dominiert nicht nur diesen Song, sondern das gesamte Album. Auch der zweite Welthit Oye como va ist eine wundervolle Coverversion (das Original stammt vom Latinomusiker Tito Puente aus dem Jahr 1963).

Kann Santana also nur Cover? Quatsch. Die gesamte B-Seite besteht aus eigenen Werken, die vielleicht weniger bekannt und erfolgreich werden, aber ihren Songkollegen in Sachen musikalischer Finesse in Nichts nachstehen. Das einzige Bedauerliche an Abraxas ist seine Länge: Bereits nach 37 Minuten ist Schluss.