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Vinyl der Woche: Ace of Spades – Motörhead

Vinyl der Woche: Ace of Spades – Motörhead : Der zweitletzte Rockstar

An Heiligabend wäre Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister 75 Jahre alt geworden. Wieso er der zweitletzte Rockstar war und seinen bekanntesten Song irgendwann selbst satt hatte.

Es ist der 7. Juni 2015. 22.05 Uhr. Rock am Ring, Nebenbühne. Vorab sei gesagt: Ich hatte nie eine enge Verbindung zu Motörhead. Auch 2015 stehe ich nur vor der Bühne, weil nach Motörhead meine absolute Lieblingsband Slipknot auftreten wird. Man will ja einen guten Platz haben, versteht sich.

Einige Hundert Meter entfernt spielen gerade die Foo Fighters als Headliner. Auf der Nebenbühne ruft mir ein alter Mann mit Hut und Warze, der mein Großvater sein könnte, zu: „We are Motörhead and we play Rock ’n Roll.“ In den nächsten 60 Minuten verstehe ich zwar nur sehr selten, was dieser Mann singt, doch mir wird klar, wieso Millionen Fans diese Band lieben. Besonders beim Song Ace of Spades (den ich als einen der wenigen kenne), ist es mehr Grummeln als Gesang – doch ich habe Spaß.

Wenige Monate später wird mir bewusst, dass ich – ohne es zu wissen – ein besonderes Motörhead-Konzert gesehen habe. Denn vier Tage nach seinem 70. Geburtstag stirbt Lemmy.

An Heiligabend wäre einer der schillerndsten und bekanntesten Rocksänger aller Zeiten 75 Jahre alt geworden. Am 28. Dezember jährt sich zudem sein Tod zum fünften Mal. Weil aller guten Dinge drei sind: Im November 1980, also vor 40 Jahren, erschien das erfolgreichste und bekannteste Motörhead-Album Ace of Spades. Mit dem Titelsong, bei dem ich 2015 nur wenig verstanden habe. Doch damit bin ich nicht alleine.

Denn wie Lemmy Kilmister einst in einem Interview verriet, machte er sich zwei Jahre lang einen Spaß daraus, nicht wie im Original „It’s the Ace of Spades“ sondern „It’s the Eight of Spades“ zu singen. Gemerkt hat das keiner. Allgemein war Lemmy kein großer Fan des Titels. Seiner Meinung nach hätte Motörhead bessere Songs geschrieben, er wolle nicht auf diesen reduziert werden. Obwohl er den Song satt hatte, spielte er ihn jedoch auf jedem Konzert – den Fans zuliebe.

Es sind Geschichten wie diese, die Lemmy Kilmister zur Legende machen. Der Mann mit Hut und Warze gestaltete sein Leben wie die Musik seiner Band: schnell, rau – und für manche unverständlich. Man muss nicht verstehen, wieso jemand – nach eigener Aussage – seit seinem 30. Lebensjahr jeden Tag eine Flasche Whiskey trinkt. Wieso jemand in Interviews statt Wasser Jack-Daniels-Cola schlürft. Wieso jemand zwei Päckchen Zigaretten am Tag qualmt. Doch man muss akzeptieren, dass dieser Jemand eben dadurch eine Figur schuf, die unsterblich ist.

Ebenso unsterblich wie das Album Ace of Spades, dessen Cover nicht nur in unzähligen Plattensammlungen steht, sondern auch in Kneipen und Wohnungen rund um die Welt als Poster an der Wand hängt. Drei Männer stehen mit Cowboy-Klamotte in der Wüste – scheinbar. Denn aufgenommen wurde das Foto in einer Sandgrube in der Nähe von London. Auch der blaue Himmel trügt: Dieser wurde nachträglich ins Bild retuschiert, weil es das Wetter am Tag des Fotoshootings nicht gut mit der Band meinte.

Lemmy Kilmister war ein Genie der Selbstzerstörung. Er war Motörhead, er spielte Rock n’ Roll. Er war der zweitletzte Rockstar. Dave Grohl, Frontmann der Foo Fighters und ehemaliger Schlagzeuger von Nirvana, ließ sich nach dem Tod seines Idols das Pik-Ass (engl. Ace of Spades) tätowieren. Grohl ist der letzte Rockstar, der legitime Nachfolger seines Idols, mit dem er 2015 gleichzeitig bei Rock am Ring spielte. Und doch wird es nie einen zweiten Lemmy geben. Christian Thome