1. Region
  2. Kultur

Vinyl der Woche: Bridge Over Troubled Water – Simon & Garfunkel

Vinyl der Woche: Bridge Over Troubled Water – Simon & Garfunkel : Ganz ohne Zoff, versprochen!

Gab es jemals ein besseres letztes Album einer Band, als Bridge Over Troubled Water von Simon & Garfunkel? Warum die Platte der Kaiserschmarren unter den Abschiedsalben, aber trotzdem nicht perfekt ist.

Aufhören, wenn es am schönsten ist. Ein Wunschgedanke vieler Musiker, oftmals zerstört durch den Drang danach, noch eine Schippe draufzulegen. Und plötzlich beendet man sein Schaffen mit einer schwachen Platte. Es ist wie beim Essen: In Erinnerung bleibt das Dessert. Und es ist besser sich an eine köstliche Schwarzwälder Kirschtorte zu erinnern, als an ein geschmackloses Bällchen Eis ohne Sahne. Um bei diesem Vergleich zu bleiben: Bridge Over Troubled Water von Simon & Garfunkel ist der locker-luftige Kaiserschmarrn unter den Abschiedsalben.

Wir schreiben das Jahr 1970. Das Ende der Zusammenarbeit von Paul Simon und Art Garfunkel ist bereits besiegelt, auch wenn sie sich erst nach dem Album trennen. Die Schulfreunde sind zu verschieden, immer wieder bestimmt Neid ihr Verhältnis. Aber lassen wir diese ein halbes Jahrhundert alten Kamellen auf sich beruhen. Um wieder kulinarisch zu werden: Unwahrscheinlich, dass diese noch schmecken. Konzentrieren wir uns lieber auf die Finesse dieses Meilensteins und lassen jeglichen Zoff zwischen Simon & Garfunkel außen vor.

Was Songschreiben angeht ist Paul Simon Perfektionist. Ein Song ist wie ein guter Wein, er braucht Zeit. Alles muss bis ins letzte Detail durchdacht sein. Anders bei Bridge Over Troubled Water. Die Idee zum Song fliegt ihm förmlich zu. Später sagt er in Interviews, er sei geschockt gewesen und dachte: „Das ist besser als alles, was ich bisher geschrieben habe!“

Lediglich der Text ist ihm ein Dorn im Auge. Klar, das Thema Freundschaft und füreinander da zu sein, in schlechten Zeiten ... ausgefallen ist anders. Das erste graue Haar seiner Frau Peggy inspiriert ihn zu den Zeilen: „Segle weiter, Silbermädchen, halte den Kurs. Die Zeit ist reif für Dich zu strahlen“. Noch immer kein kreatives Weltwunder, reicht aber für ein musikalisches Meisterwerk.

Nicht das einzige auf diesem Album. Und nicht der einzige Song mit einer ausgefallenen Geschichte. Da wär’ zum Beispiel Cecilia, der unter dem Einfluss einiger Biere in Los Angeles entstanden ist. Dort klatschen Simon & Garfunkel auf ihren Schenkeln, singen den anrüchigen Text, aus dem später Zeilen wie: „Making love in the afternoon with Cecilia, up in my bedroom“ entstehen. Dazu klimpert Simons Bruder Eddie auf der Gitarre. Zack, ein weiterer Klassiker ist geboren.

Um einiges aufwendiger hingegen gestalten sich die Arbeiten an The Boxer. Über einhundert Stunden Aufnahmenarbeit sollen im Song stecken. Die Percussions entstehen in einem New Yorker Aufzug, eine Strophe in Nashville, eine in einer Kapelle. Zum Nachsingen reicht heute eine Gruppe an Freunden, von denen einer idealerweise wissen sollte, wie man Gitarre spielt.

Bridge Over Troubled Water hätte ein perfektes Album werden können. Wäre da nicht El Condor Pasa (If I Could) – eigentlich ein altes peruanisches Volkslied. 1965 hört Paul Simon in Paris die Version der Gruppe Los Incas. Er hält es für eine gute Idee, diesen Song neu aufzunehmen. Dieser wird bekannt, kann aber musikalisch nicht mit den restlichen Werken des Albums mithalten.

Sehen wir es positiv: Gut, dass Simon & Garfunkel das Album nicht mit El Condor Pasa (If I Could) beendet haben. Denn in Erinnerung bleibt das Dessert.

In der Kolumne „Vinyl der Woche“ stellt der Trierische Volksfreund wöchentlich eine Schallplatte vor – von Neuerscheinungen, über besondere Alben bis hin zu Klassikern. Alle Serienteile gibt es hier.