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Vinyl der Woche: Centerfold – The J. Geils Band

Vinyl der Woche: Centerfold – The J. Geils Band : Im Glashaus

Sie waren eine der besten Live-Bands. Doch die J. Geils Band wollte noch mehr Erfolg und verkaufte sich mit Centerfold an die Charts. Welch eine Ironie, wenn man auf den Songtext blickt.

Ende der Siebziger. The J. Geils Band sind erfolgreich in dem, was sie tun. Eine der besten Partybands, die es gibt. Mit einer Mischung aus Blues und Rock überzeugen sie vor allem live. Doch irgendwas muss sich ändern. Denn die Jungs wollen mehr. Sie stehen vor der wichtigsten Entscheidung ihrer Bandgeschichte: Dem eigenen Sound treu bleiben oder kommerzieller werden und damit die Charts erobern? Sie entscheiden sich für den Weg der Veränderung. Den Weg, den sie in ihrem erfolgreichsten Song einer Frau vorwerfen.

1979, zwei Jahre vor Centerfold,  wird die J. Geils Band in Europa bekannt. Sie treten damals im Rockpalast auf und begeistern mit ihrer exzellenten Live-Performance. Anders gesagt: Sie tun einfach das, was sie am besten können.

1981 bricht die Band um Sänger Peter Wolf und Gitarrist John Warren Geils (Namensgeber der Band) endgültig mit der Musik, die sie in ihrer Anfangszeit machte. Stattdessen wird es mit dem Album Freeze Frame humorvoll und poppig. Sie kriechen den Charts in den Allerwertesten. Vor genau vierzig Jahren steht die Band mit Centerfold auf Platz eins der US-Charts. Ein Song über einen Mann, der seine Jugendliebe, die für ihn immer ein harmloser Engel gewesen war, plötzlich in der Mittelfalz (englisch: Centerfold) eines Pin-Up-Heftchens entdeckt.

Der Mann könnte jetzt stolz auf sich selbst sein, dass er mal was mit einer Frau hatte, die heute mit ihrem Aussehen die Welt rockt. Doch er ist enttäuscht. Von ihr. Weil sie sich verändert hat. Pah, wie kann sie nur? Seine Erinnerung sei verkauft worden, singt er. Oder auf englisch, die bekannte Zeile My memory has just been sold, my angel is a centerfold.

Also, wer hat hier jetzt alles was oder wen verkauft? Indirekt, wenn wir das Hemd bis ganz oben hin zuknöpfen, die Frau ihr Aussehen an das Magazin. Das Magazin hat die Erinnerung des Mannes an die Männer verkauft, die sich nun die Mittelfalz ansehen.

Nun kann man das durchaus kritisieren. Und ja, man muss auch nicht alles zu ernst nehmen, was Pop-Rock-Bands singen. Aber die Verbindung ist zu gut, um sie nicht aufzuschreiben. Denn ironischerweise verkauft die J. Geils Band mit diesem Song ihre Musik an die Charts. Wer im Glashaus sitzt.

Es folgt die komplette Bandbreite an kommerziellem Erfolg: Eine Tour mit den Stones, das Cover des Rolling Stone Magazine und gefühlte Dauerschleife des Musikvideos bei MTV. Jetzt kann man nicht sagen, dass Centerfold ein schlechtes Lied oder Freeze Frame ein miserables Album sei. Doch die Band opfert all das, was man sich als erfolgreiche Live-Band aufgebaut hatte, für einen sehr kurzen Erfolg.

Denn 1984 verlässt Sänger Peter Wolf die Band. Musikalische Differenzen. Dass er der unverkäufliche Teil der Band war, lässt Wolf in den folgenden Jahrzehnten durch seine Musik sprechen. Da ich es, so ehrlich muss man sein, nicht besser formulieren könnte, lasse ich den Kollegen Edo Reents aus dem Feuilleton der F.A.Z. sprechen, der 2010 zu Wolfs neuem Album Midnight Souvenirs schrieb: „Peter Wolf ist für die Sorte von Überraschung zu haben, die manchmal dabei herauskommt, wenn jemand sich nicht vor lauter Angst, den Anschluss zu verlieren, hip-hopisieren lässt (...) und einfach das spielt, was er mag und am besten kann – in diesem Falle und wiederholt: Rock‘n‘Roll, Rhythm&Blues, Folk und Country, diese, wenn man‘s richtig angeht, immer noch unschlagbare Mischung.“

Die verkaufte J. Geils Band veröffentlicht 1984 aus Vertragsgründen noch ein Album ohne Wolf. You’re Gettin’ Even While I’m Gettin’ Odd wird genau das, was man von einer Band erwartet, die sich (selbst verschuldet) das Herz, in diesem Fall Peter Wolf, herausgerissen hat. Danach ist Schluss. Und das alles für einen großen Erfolg. Finanziell hat sich das sicher gelohnt, Glückwunsch.

Übrigens, ich persönlich bin nicht über die J. Geils Band auf Centerfold aufmerksam geworden. Wer es nicht gerne etwas versaut mag, der sollte nun aufhören zu lesen: die Coverversion der bayrischen Humor-Rocker J.B.O. war die erste, die ich kennenlernte. Wir können hier auch gerne noch eine kurze Etappe Englischunterricht einschieben. Sind zwar gerade Ferien, aber die Lektion ist sowieso eher für Erwachsene gedacht.

Also, Originaltext:

My blood runs cold

My memory has just been sold

My angel is the centerfold

Und jetzt die Übersetzung auf J.B.O.-Bayrisch:

Ich glaub‘ ich spinn‘!

Verraten und verkauft ich bin!

Mei Alde is‘ im Playboy drin!

Ich mag J.B.O. 

In der Kolumne „Vinyl der Woche“ stellt der Trierische Volksfreund wöchentlich eine Schallplatte vor – von Neuerscheinungen, über besondere Alben bis hin zu Klassikern. Alle Serienteile finden Sie unter volksfreund.de/vinyl