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Vinyl der Woche: Dancing With Tears In My Eyes – Ultravox​

Vinyl der Woche: Dancing With Tears In My Eyes – Ultravox : Was passiert, wenn es passiert?

Gutes kommt immer wieder. Schlimmes leider manchmal auch. Denn schon in den Achtzigern sangen Ultravox über ihre Angst vor einem Atomkrieg.

Ein kurzer Einblick in die Entstehungsgeschichte einer solchen Kolumne: Eigentlich starte ich immer mit einem Plan in die Woche. Schaue mir vorher an, wer Geburtstag hat, welches Album Jubiläum feiert oder was an einem bestimmten Datum Besonderes passiert ist. Normalerweise ziehe ich diesen Plan dann auch durch.

Außer ich höre einen Song, der mich interessiert und packt. Das muss aber in einer bestimmten Situation sein, die ihn besonders macht. Beispiel: Würde ich Dancing with Tears in My Eyes von Ultravox einfach nur so nebenbei hören ... meh. Läuft der Song jedoch, während ich bei 22 Grad und offenem Ca­briodach auf der B51 im Stau stehe, dann beginne ich nachzudenken. Weiß ja heute kaum noch einer, welch unschönen Hintergrund der Song hat, glaube ich. Wenn ich an diesem Punkt bin, dann sehe ich meinen Bildungsauftrag. Und habe einfach – verzeihen Sie die plumpe Sprache – Bock, über diesen Song zu schreiben.

Bock hatten Midge Ure, Chris Cross, Billy Curry und Warren Cann Anfang der Achtziger nur bedingt. Sie hatten eher Angst. Vor dem Szenario, das damals wohl jeder fürchtet: Was, wenn ein Atomkrieg beginnt? Der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion spitzt sich immer weiter zu. Ultravox hassen diesen Gedanken, den man nicht lieben kann. Und tun das, was Musiker am besten können: Ihre eigenen Gefühle in einen Song packen. Sie singen über das, was sie fürchten. Entwerfen ein Worst-Case-Szenario. Was passiert, wenn es passiert?

Da Kriegszenarien jedoch nicht immer etwas für den großen musikalischen Erfolg und Radiostationen sind, muss Ultravox diese so verpacken, dass man den Song auch noch knapp 40 Jahre später im Stau auf der B51 hören kann. Das schaffen sie, indem sie mit ihrem modernen Synthesizer-Sound exakt den Zahn der Zeit treffen. Die Botschaft, dass das Leben irgendwann vorbei sein wird, man sich damit abfinden muss und einen das zu Tränen rührt in einen Radiohit zu packen – Chapeau. Dass Ultravox den Song 1985 auch bei Live Aid spielt, erklärt sich von selbst: Immerhin gehört Midge Ure zu den wichtigsten Organisatoren des Events.

Der wichtigste Fakt an Dancing with Tears in My Eyes: Das, worüber sich die Briten Gedanken machen, was passieren würde, wenn es passiert, ist nicht passiert. Das Problem: Ängste kommen wieder. Und so ist der Song vielleicht aktueller denn je, wenn wir gen Osten blicken. Bringt aber alles nichts. Also, tanzen!