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Vinyl der Woche: Skandal im Sperrbezirk – Spider Murphy Gang

Vinyl der Woche: Skandal im Sperrbezirk – Spider Murphy Gang : Bechern im Hofbräu-, schnackseln im Freudenhaus

Skandal im Sperrbezirk von der Spider Murphy Gang stand vor 40 Jahren an der Spitze der deutschen Charts. Schuld am Song sind ein Schwiegermutterliebling, betrunkene Bayern und die CSU.

Der Platzl in München ist legendär. Aber wo heute Großmütter ihren Enkeln überteuerte Hard-Rock-Café-Shirts kaufen und Teenager ihren White Chocolate Cream Frappucino mit Hafermilch bei Starbucks genießen, war es nicht immer so touristisch-idyllisch. Springen wir in die wilden Siebziger. Eine beliebte Beschäftigung, vor allem unter Amerikanern: Erst trinken im Hobräu-, dann schnackseln im Freudenhaus. Letztere gibt es auch am Platzl, der in den Augen vieler Bayern zum Schandfleck verkommt. Immer wieder wird sich geprügelt, manchmal kommen sogar Messer zum Einsatz. Dem setzt die Stadt 1981 ein Ende – und legt damit den Grundstein für den Hit Skandal im Sperrbezirk der Spider Murphy Gang, der vor 40 Jahren auf Platz eins der deutschen Charts stand.

Vor allem der CSU, die 1978 die Mehrheit im Stadtrat erringt, sind die Geschehnisse am Platz ein Dorn im Auge. Die Stadt München verschärft also 1980 die Sperrbezirksverordnung. Damit verbannt sie die Bordelle und Prostituierten an den Stadtrand. Steilvorlage der Songzeile, wegen der Skandal im Sperrbezirk in den meisten Radiosendern und der ZDF-Hitparade gemieden wird: Und draußen vor der großen Stadt stehen die Nutten sich die Füße platt.

Aber wie kam die Spider Murphy Gang darauf, das Sex-Geschäft in einem Hit zu thematisieren? Alles fußt auf einem Song, der alles andere als kritisch klingt. 1971 veröffentlicht Erik Silvester den Schlager Skandal um Rosi. Locker dahergesungen, auf dem Plattencover mit perfekter-Schwiegersohn-Frisur, Anzug und Krawatte posierend.

Günther Sigl, der Frontmann der Spider Murphy Gang hört den Song im Radio und hat sofort die Idee, den „Skandal um Rosi“ selbst aufzugreifen. Rosi wird zum Inbegriff der Prostituierten. Die fiktive Person schnappt den Konkurrentinnen am Stadtrand die Kundschaft weg. Warum? Weil jeder, den die Sehnsucht quält, ganz einfach Rosis Nummer wählt.

Die Nummer, die deutschlandweit noch heute bekannt ist: 32 16  8. Reimt sich halt auf herrscht Konjunktur die ganze Nacht. Und: Die Nummer ist damals in München nicht vergeben, wie Günther Sigl später in einem Interview erklärt. Es kann also niemand in der bayrischen Landeshauptstadt ungewollte Anrufe erhalten. Doch in anderen Städten klingelt immer wieder unter 32 16  8 Telefon, Jugendliche fragen aus Scherz nach Rosi. Günther Sigl und die Spider Murphy Gang bezahlen damals einige Rufnummeränderungen und schicken Blumensträuße als Entschuldigung durch ganz Deutschland.

Skandal im Sperrbezirk bleibt acht Wochen auf Platz eins der Charts und wird zum größten Hit der Spider Murphy Gang. Die Sperrbezirksverordnung ist bis heute gültig – am Platzl und an vielen anderen Orten in der Stadt dürfen keine sexuellen Dienstleistungen angeboten werden. Rosi dürfte allerdings mittlerweile im Rentenalter sein.

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