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Virtuelle Chorprobe mit dem Domchor Trier in der Coronakrise

Musik : Dann sing ich mal online ...

Aus und vorbei: Keine Proben, kein Hochamt, keine Auftritte mehr. Die Pandemie lähmt alles. Wie lange noch, weiß niemand. Die Chorarbeit fehlt mir. Doch ich bin nicht allein. Millionen Sängern auf der Welt geht es ebenso. Sie trotzen dem Virus online, mit Skype, Youtube oder Zoom. Auch Domkapellmeister Thomas Kiefer hat da so eine Idee ...

Eine Mail landet am 13. März um 11.35 Uhr in meinem Postfach – Betreff: „Absage sämtlicher Chor­aktivitäten!“ Ich schlucke. Musste ja so kommen. Irgendwie. Aber so schnell?! Domkapellmeister Thomas Kiefer macht es kurz. „Nach persönlicher Absprache mit dem Bischof, dem Domdechanten und dem Domprobst habe ich entschieden, dass ab sofort bis auf weiteres sämtliche Chor-Aktivitäten der Dommusik abgesagt werden.“ Und weiter:  „Niemand von uns hätte sicher je damit gerechnet, dass so etwas eintreten wird, aber die aktuelle Situation muss behutsam berücksichtigt werden.“ Er wünscht uns allen noch alles Gute und Gesundheit, dann herrscht Funkstille.

Für Wochen werde ich jetzt auf das gemeinsame Singen im Domchor, die Gespräche in den Pausen, die Frotzeleien während der Proben und die Gottesdienste im Dom verzichten. Eine Mitteilung des Bistums  zementiert meine Befürchtungen. Kurz und knapp: Es gibt keine  Messen mehr mit Gläubigen, Chören und Orchester im Dom, weder an Ostern noch bei den sich anschließenden Heilig-Rock-Tagen. Ende des Ausnahmezustands  nicht absehbar.

27. März, 15.44 Uhr: Eine Mail von Thomas Kiefer landet in meinem Postfach – Betreff: „Lebenszeichen und Einladung zum virtuellen Domchor“. Ich lese: „Am Dienstag, 31. März, möchte ich zur regulären Probenzeit um 19.30 Uhr zu einer digitalen Begegnung einladen. Der folgende Link führt Euch zu einer Videokonferenz auf der Plattform Zoom. Wir werden die Möglichkeit haben, miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich möchte auch versuchen, mit Euch zu singen. Lasst Euch überraschen!“

Ich bin so perplex, dass ich einfach nur zurückschreibe „Wie geil!!!!!“ Am Dienstag sitze ich pünktlich um 19.25 Uhr in meinem Arbeitszimmer vor dem Laptop meines Sohnes, der mir die App heruntergeladen hat und mir noch kurz die Handhabung von Zoom erklärt. Kiefer als Host ist schon online, einige andere Gesichter poppen ebenfalls nach und nach auf meinem Bildschirm auf, alle reden durcheinander, genau wie vor den Proben in der Dommusik, wenn alle eintrudeln. Knapp 50 Sängerinnen und Sänger hocken vor PC, Laptop oder Smartphone. Wir winken uns zu. Einige erzählen aus ihrem Alltag, vom Arbeiten im Homeoffice, von geschlossenen Bibliotheken an der Uni, vom Sich-Nicht-Unterkriegen-Lassen. Ich bin gespannt und höre zu.

Die Probe beginnt. Es ist mucksmäuschenstill. Kunststück. Domkapellmeister Kiefer hat alle Teilnehmer stumm geschaltet. Als erstes Stück präsentiert er uns einen Choral aus der Johannespassion von Bach: „Dein Will’ gescheh, Herr Gott zugleich“.

Sehr treffend. Kiefer blendet ein Youtube-Video mit den dazugehörigen Noten per Screen-Sharing ein (wir können also auf seinen Bildschirm sehen). Stumm geschaltet sollen wir mitsingen, jeder für sich. Ich habe keine Chance. Ich höre niemanden, singe ein paar Noten mit, schweige wieder. Alles fühlt sich irgendwie komisch an, so wie trocken schwimmen. Naja. Nächster Versuch mit „Ubi caritas“ von Maurice Duruflé. „Der Alt fängt an, dann die Tenöre, Bässe ...“, sagt Kiefer. Das Video startet. „Da sind seltsame Tonschwankungen drin, lasst euch davon nicht stören.“ Wir konzentrieren uns.

Da erscheint Johannes Still auf dem Bildschirm, vermeintlich in der Glocke sitzend, dem Stammlokal des Domchors. Dem versierten Jazzmusiker und Sohn von Domorganist Josef Still sitzt der Schalk im Nacken, als er die Homepage des Lokals im Hintergrund einblendet mit der Nachricht: „Bin in der Glocke.“ Dort ist er natürlich nicht, aber anstatt in seinem Wohnort Essen „in Trier, denn bei mir steht gerade nichts an“, erzählt er. „Ich war einfach neugierig, wie die Probe funktioniert, und dachte, ich schau mal rein.“ Still, der im vergangenen Jahr erfolgreich mit Fee Badenius und Band im Casino am Kornmarkt in Trier auftrat, bereitet gerade ein neues Projekt vor, das seine Fans überraschen dürfte.

Jetzt legt uns Thomas Kiefer einen einstimmigen Choral vor: „Meine Zeit steht in deinen Händen“. Er blendet die Noten ein und spielt auf seinem Flügel. Ich singe. Befreit. Solo.  Anschließend im vierstimmigen Satz. Einige klagen darüber, dass sie die Noten unscharf sehen. Also stellt Kiefer sie als pdf-Datei in den Chat ein und verschickt sie zusätzlich per Mail. „Netzbandbreite ist zu niedrig“ meldet der Computer und meint damit die von Kiefer. Ob das der Grund für das Ruckeln und die Zeitverzögerung ist? Egal.

Wir machen weiter mit einer Chor­improvisation zu „Der Mond ist aufgegangen“. Alle Frauen singen auf „u“. Der Ton ist an. Wir hören uns. Dennoch sind die Tempi unterschiedlich. Es klingt bröckelig, zerrissen, als säßen wir alle auf verschiedenen Kontinenten.

„Ich bitte die Damen, auf ,u’ die Melodie zu singen von ,Nun danket all und bringet Ehr’ aus dem Gotteslob. Dann brauchen wir eine Solistin, die die erste Strophe singt von ,Der ,Mond ist aufgegangen’ singt“, fragt der Chef. Eine Freiwillige meldet sich. Wir musizieren alle zusammen: Tenöre und Bässe summen, Alt und Sopran singen auf „u“, und die einsame Solistin intoniert die erste Strophe des Abendlieds.

Trotz der klanglichen Mängel scheint der sonst so kritische Domkapellmeister zufrieden. Nach dem Abendlied „Bleib bei uns“ von Josef Gabriel Rheinberger und „Bleib  bei uns, Herr“ aus dem Gotteslob ist unsere erste virtuelle Chorprobe zu Ende. Im Chat öffnet sich ein Fenster: „Die Probe ging viel schneller als sonst.“ Stimmt. Wie im Fluge.

Oder Chef? „Das war ein Versuch“, sagt der. „Ich habe so was auch noch nie gemacht. Bitte gebt mir ein Feedback, und schickt mir Verbesserungsvorschläge. Ich weiß ja gar nicht, wann wir wieder regulär proben können.“

Eine Chorprobe, wie sie derzeit nicht möglich ist: Domkapellmeister Prof. Thomas Kiefer übt mit dem Dom- und Kathedraljugendchor. Foto: Hans Krämer

Eben. Also warte ich. Auf die nächste virtuelle Chorprobe oder eine Mail – NN, NN Uhr. Betreff: Proben und Chortermine, zweites Halbjahr 2020.