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Visionen bei der Bahnfahrt

Visionen bei der Bahnfahrt

Ein Jahr vor dem Intendantenwechsel am Theater Trier nimmt die künftige Führungsstruktur Gestalt an. Es zeichnet sich ab, dass das Leitungsteam mit Ausnahme von GMD Victor Puhl komplett erneuert wird. Die Entscheidungen stehen schon bald an - und die erste ist bereits gefallen.

Trier. Wer wissen will, wie der designierte Intendant Karl Sibelius drauf ist, dem sei ein Blick auf die Facebook-Seite des Österreichers angeraten. Gestern empfahl er einen Artikel über eine sperrige Regisseurin. Titel: "Man kann es nicht allen recht machen."
So ähnlich wird es ihm bald auch gehen. Mitte des Monats muss entschieden werden, welche Künstlerverträge im nächsten Jahr verlängert werden - und welche nicht. Eine schwierige Situation, denn noch hat er keine "Anordnungsbefugnis", wie es amtlich heißt. Das zwingt ihm eine passive Rolle auf. Er ist zwar permanent im Haus, schaut sich viele Produktionen an - aber aktiv werden kann er noch nicht.
Der künftige Trierer Theaterchef macht aber keinen Hehl daraus, dass er personelle Veränderungen will. Teilweise haben die Künstler ihm die Entscheidungen auch schon abgenommen. Tanzdirektor Sven Grützmacher, Chefdramaturg Peter Oppermann, Publikumsliebling Michael Ophelders: Sie alle haben sich für neue Aufgaben entschieden. Auch Verwaltungsdirektorin Heidi Schäfer wird gehen, oberster Personaler ist künftig der Intendant selbst.
Damit werden - außer bei GMD Victor Puhl - alle Sessel im Leitungsteam frei. Für den ersten hat Sibelius schon eine Wunsch-lösung gefunden. Aus Luzern kommt Ulf Frötzschner, ein erfahrener Schauspiel-Dramaturg mit Kontakten zu vielen internationalen Regisseuren. Gerade Letzteres soll auch für eine inhaltliche Ausrichtung stehen.
Die ersten Visionen haben Intendant und Schauspielchef am Telefon und in der Bahn entwickelt - sie kannten sich vorher nicht. "Ich kann nicht von anderen Veränderung verlangen," sagt Sibelius, "wenn ich nicht selbst offen für neue Menschen bin."
Da kommt also offenbar niemand mit einem kompletten Personaltableau - vielleicht ist das die Chance für den einen oder die andere im Ensemble. Aber die Struktur des Führungsteams wird sich ändern. Sibelius, als künstlerisch und wirtschaftlich verantwortlicher Chef stark ausgelastet, will nicht nur den Job des Tanzdirektors wieder besetzen, sondern auch einen Operndirektor mit ins Boot nehmen - eine Funktion, die man in den vergangenen Jahren bisweilen schmerzlich vermisste.
Drei Spartenchefs und ein Generalmusikdirektor: Der künftige Intendant sieht darin auch ein klares Signal für den Erhalt des Dreispartenbetriebs und des Orchesters. Hinter beidem stehe er "ohne jede Einschränkung".
Zuletzt hatte es im Theater leichtes Rumoren gegeben, nachdem Sibelius im Interview mit der Internet-Plattform nachtkritik.de die Frage aufgeworfen hatte, "ob wir 48 Orchestermusiker oder ein festes Ensemble von zehn, fünfzehn Schauspielern und Sängern brauchen, die alles spielen und singen müssen". Eine Frage, zu der Sibelius uneingeschränkt steht: "Man muss alles ansprechen dürfen." Auch wenn man es dann im Zweifelsfall nicht allen recht machen kann.Extra

Das schwierigste Thema, bei dem der neue Intendant Akzente setzen muss, ist die Baufrage. Das Trierer Haus ist so marode, dass eine Schließung in absehbarer Zeit zwangsläufig wird. Jahr für Jahr werden Millionenbeträge in den Bruchbau gesteckt, ohne dass sich substanziell etwas verbessert. Eine Rundum-Sanierung würde geschätzt mindestens 25 Millionen Euro kosten - das ist nicht weit von den Dimensionen eines Neubaus entfernt. Das Land hat angekündigt, sich maßgeblich zu beteiligen, aber angesichts der Schuldenbremse ist das eine Zusage mit begrenzter Haltbarkeit. Karl Sibelius würde einen Neubau bevorzugen, hielte aber auch eine "gute Sanierung" für vertretbar. Entscheidend für ihn: Die Gesamtlösung müsse am Ende die Funktionen eines Mehr-Sparten-Ensemblehauses erfüllen. Dazu gehöre auch ein mittlerer Saal für das Schauspiel und kleinere Musiktheaterproduktionen. Ob dabei eine Kooperation etwa mit der Tufa interessant sei, könne erst dann diskutiert werden, "wenn die Stadt sich entschieden hat, ob sie neu bauen oder sanieren will". Erforderlich sei "ein variables, offenes Haus, aber keine Mehrzweckhalle". DiL