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Viviane Chassot - Eine Schweizerin und ihr ganz besonderes "Örgeli"

Wittlich. "Schifferklavier" oder "Quetschkommode" - das Akkordeon genießt nicht unbedingt den besten Ruf. Welche Möglichkeiten jedoch in dem Instrument stecken, das hat Viviane Chassot bei einem Konzert des Wittlicher Musikkreises eindrucksvoll demonstriert.

Wittlich. Dass Komponisten wie Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) oder Joseph Haydn (1732 -1809) keine Werke für Akkordeon geschrieben haben, hat einen einfachen Grund: Das Instrument wurde erst im Jahr 1829 erfunden. Aber die Akkordeonistin Viviane Chassot ist sicher: "Wenn sie es gekannt hätten, dann hätten sie es getan!"
Erst recht, wenn sie hätten hören können, zu welcher Ausdrucksvielfalt ein modernes Konzertakkordeon fähig ist. Mit der traditionellen "Quetschkommode" - handlich, preiswert und einfach zu spielen - hat das nämlich nur noch wenig zu tun. Zum Vergleich: Ein klassisches "Schwyzerörgeli" hat 31 Tasten im Diskant und 18 im Bass, für einfache Dur-Akkorde. Chassots neue Bugari Omnia, ein chromatisches Knopfakkordeon, das sie an diesem Abend erstmals im Konzert verwendet, verfügt dagegen über 106 Knöpfe im Diskant und hat im Melodiebass einen Umfang von 58 Tönen.
Und warum die Schweizerin Werke, die für Cembalo, Clavichord oder Hammerklavier komponiert wurden, auf dem Akkordeon spielt - diese Frage stellt sich am Ende des Abends ohnehin niemand mehr. So überzeugend ist die feinfühlige Interpretation, so elegant ist der Klang des Instruments, so variabel sind die Einsatzmöglichkeiten von Barock bis Moderne: Ob strenge polyphone Linienführung, ob breite Klangflächen, all das setzt Chassot virtuos und mit scheinbarer Leichtigkeit um - fröhlich bei Jean-Philippe Rameaus "La Poule", sanft und zart bei den "Einsamen Blumen" von Robert Schumann, melancholisch bei "Ein verwehtes Blatt" von Leos{cech} Janác{cech}ek. Und bei der zeitgenössischen Komposition "Acedia" von Chassots Landsmann Stefan Wirth kommen weitere Klänge hinzu: das Reiben einer Stimmgabel am Balg, ein Klopfen auf das Gehäuse, bis sich alle Töne verlieren und nur noch der schwere Atem des Luftzugs zu hören ist.
Vom Publikum gibt es viel Beifall für einen außergewöhnlichen Abend mit einer außergewöhnlichen Musikerin und einem außergewöhnlichen Instrument. Ein Abend, an dem ganz sicher auch Bach und Haydn ihre Freude gehabt hätten. daj