| 20:42 Uhr

Weltkulturerbe
Volksfreund-Serie "Unser Weltkulturerbe": Im Schatten des Trierer Doms strahlt die Liebfrauenkirche

FOTO: (g_kultur
Trier. Dem Himmel so nah: Stünde die Liebfrauenkirche allein, wäre sie womöglich DIE Kathedrale weit und breit. Viele Besucher empfinden die grazile Schönheit dieses rein gotischen Bauwerks als einzigartig. Doch der benachbarte romanische Dom mit seinen Krypten und Kapellen in unterschiedlichen Stilen weist die Liebfrauenkirche seit jeher auf den zweiten Platz - religiös wie politisch. Anne Heucher

Trier. Reims ist berühmt für seine Kathedrale. Millionen Menschen reisen dorthin, um den gotischen Prachtbau zu bestaunen, in dem einst die französischen Könige gekrönt wurden. Das Meisterwerk in Trier, das dieselben Baumeister vor fast 800 Jahren errichteten und das nicht minder imposant ist, gilt hingegen "nur" als Annex, als Zweitkirche. Das liegt daran, dass die älteste rein gotische Kirche in Deutschland im Schatten des Trierer Doms steht. "Immer wieder kommt es vor, dass Trier-Besucher die Liebfrauenkirche mit dem Dom verwechseln", erzählt Stadtführerin Anne Fesser-Konder. Da Trier so viele außergewöhnliche historische Gemäuer zu bieten hat, bleibt den meisten Gästen für diesen einzigartigen Bau kaum Zeit.

Wer doch eintritt, staunt. Über die Harmonie dieses Raumes - auf dem Grundriss einer zwölfblättrigen Rose. Besucher können wenige Schritte hinter dem Eingang auf der sternförmigen Markierung im Boden alle zwölf gotischen Säulen auf einmal sehen. Dazu die Apostelbilder, mit denen ein spätgotischer Maler Ende des 15. Jahrhunderts die symbolische Bedeutung der zwölf Säulen unterstrichen hat. Über dem Altar in der Mitte erhebt sich der quadratische Turm, ausgemalt mit Lilien. Hoch oben im Ostchor die strahlende Maria, die der Kirche ihre Bestimmung gibt. "Ein wunderbarer, großartig gelungener Versuch, den Himmel auf die Erde zu bringen", erklärt Pastor Hans Wilhelm Ehlen, "und die Erde dem Himmel hinzuhalten, dass Christus sie erlöse." Wenn, wie oft, leise gregorianische Gesänge den Kirchenraum erfüllen und die Sonne die Farben der Fenster auf den Stein wirft, ist dies bis heute ein besonderer Ort der Einkehr und des Gebets.

Mancher Besucher wundert sich, dass zwei monumentale Kirchen direkt nebeneinanderstehen. Warum zwei? Weil es schon immer so war! Hier stand Triers ältester Kirchenbau, ein gewaltiger Komplex aus vier miteinander verbundenen Basiliken, doppelt so groß wie heute Dom und Liebfrauenkirche zusammen. Die Römer bauten ihn im vierten Jahrhundert an der Stelle, wo christliches Gemeindeleben in Trier seinen Anfang genommen hatte. Die spektakulären Ausgrabungen um die Jahrtausendwende haben viele Zeugnisse aus den christlichen Anfängen in Trier unter Kaiser Konstantin ans Tageslicht gebracht. Um den Besuchern der Liebfrauenkirche die Vorgeschichte zu veranschaulichen, hat man bei der Innenrenovierung 2007 bis 2011 an der Südseite einen Querschnitt im Boden offen gelassen, der einen Blick durch 1800 Jahre ermöglicht. Nachgewiesen haben Archäologen, dass die heutige Liebfrauenkirche (erbaut 1227 bis 1260) genau dort steht, wo die beiden Vorgängerbauten von Römern und Ottonen gewesen sind.

Jahrhundertelang galt die Liebfrauenkirche, die aus Kordeler Sandstein gebaut ist, als Teil des benachbarten Doms. Als das Domkapitel 1243 die lothringischen Baumeister nicht mehr bezahlen konnte, half der Kölner Erzbischof mit einer Kollekte für "das Haupt und die Mutterkirche aller Kirchen der Trierischen Provinz", wofür die Trierer sich übrigens mit der Garantie ewiger Zollfreiheit für die Kölner Händler bedankten (was mancher Bürger an der Mosel später bereute). In die Liebfrauenkirche zogen die Trierer Kanoniker jahrhundertelang in Prozessionen, auf denen sie am Marienaltar Station machten. Auch fürs Totengedenken kam das Domkapitel hierher. "Wir sitzen hier über dem Friedhof", macht Pfarrer Ehlen beim Gespräch in der Kirchenbank deutlich. Bevor die Marien- und Memorialkirche 1804 eine Pfarrei bekam und Bänke brauchte, stand der Raum voller Grabmäler. Viele sind später ins Museum gewandert.

Ihre Nähe zum Dom wäre Liebfrauen aber auch beinahe zum Verhängnis geworden. Nach der Französischen Revolution sollte sie im Zuge der Säkularisation abgerissen werden. Der Legende nach gelang es dem Trierer Bürgermeister, Napoleon persönlich bei dessen Besuch 1804 umzustimmen, indem er vor Ort ausrief: "Sire, Sie wollen doch wohl nicht das Meisterwerk eines französischen Architekten abreißen!" Napoleon willigte ein, die gotische Kirche stehen zu lassen, jedoch um den Preis, dass die aus dem 10. Jahrhundert stammende, an die Konstantin-Basilika angebaute Pfarrkirche St. Laurentius abgerissen wird.

Liebfrauen hat zwar keinen Heiligen Rock wie der Trierer Dom, besitzt aber auch eine besondere Reliquie: das "Kleid der Muttergottes". Das Marienkleid soll der Trierer Benediktinerabt Placidus Mannebach mitsamt dem berühmten Tragaltar des Heiligen Willibrord vor den franzöischen Revolutionstruppen in Sicherheit gebracht haben. Das hellgraue gefütterte Leinenkleid mit Resten von antikem Wollstoff wurde vor 20 Jahren aufwendig restauriert und liegt nun in einem alten Eichenschrank. Einmal im Jahr, am 15. August, dem Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel, wird er für die Gläubigen geöffnet.

Neben Archäologen haben jüngst Experten modernster Bauverfahren eine Unsumme an neuen Erkenntnissen gebracht. Chemische Analysen halfen zum Beispiel dabei, eine übermalte historische Marienfigur im Gewölbe zu rekonstruieren. Aber sie offenbarten auch Probleme: Die Rankenmalereien hatte man im 19. Jahrhundert mit einem brillant leuchtenden Grün restauriert, das sich leider als hochgiftig herausstellte. Das Schweinfurter Grün musste mit riesigem Aufwand unschädlich gemacht werden - mit Atemmasken! Dazu wurden laut dem Werkbericht des Architekten Hans-Joachim Becker rund 15 000 Glasfaserdübel zwischen Altputz und Gewölbemauerwerk aufgebracht. Enorme Geduld brauchten die Restauratoren auch bei der Reinigung des Gewölbes von Schmutz, Staub und Kerzenruß. Immerhin ging es laut dem Architektenbericht um ein Raumvolumen von rund 26 000 Kubikmetern, vergleichbar dem Raum von 30 großen Einfamilienhäusern. Das meiste erledigten sie mit Trockenschwämmen. Bei der wochenlangen akribischen Schmutzabsaugung kollabierten laut dem Bericht reihenweise die Motoren der Spezialstaubsauger.

Geschichten erzählen auch die vielen Figuren in und an dieser Kirche. Karl von Metternich ist auf einem der bedeutendsten Barockdenkmäler Triers lebensgroß und überaus kunstvoll dargestellt (gestorben 1636). Er wäre im Dreißigjährigen Krieg selbst gern Erzbischof von Trier geworden, wie sein Onkel, und arbeitete aktiv daran mit, den Amtsinhaber in eine zehnjährige Haft nach Österreich zu verbannen. Das gelang, als der Trierer Erzbischof sich unter Frankreichs Schutz stellte. Zu welcher Nation Trier heute wohl gehören würde, wenn Chorbischof Karl seinem Chef nicht Einhalt geboten hätte?!

300 Jahre später hatten es die Hausherren von Liebfrauen mit den Preußen zu tun. Nachdem der Kaiser bei seinem Besuch an der Mosel Unterstützung in Aussicht gestellt hatte, schickte man die kunstvollen Großfiguren des Westportals 1913 zur Restaurierung ins Berliner Museum. Dort rührte sich dann allerdings lange niemand mehr. Als die Trierer protestierten und ihren Besitz zurückforderten, schickten die Hauptstädter zwar einige Figuren, doch manche waren nur Kopien. Vier Originale - die Propheten - blieben in Berlin. Wer sie sehen will, muss ins dortige Bode-Museum fahren.Extra

Der bauliche Zustand von Liebfrauen ist tipptopp, wie Pfarrer Hans Wilhelm Ehlen bescheinigt. Nach der Außenrenovierung und der Erneuerung des Daches fand von 2007 bis 2011 die umfassende Innenrenovierung statt. Motto: "Die Rose neu erblühen lassen ...". Die Kosten wurden damals auf sieben Millionen Euro beziffert, wovon der Bund 1,5 Millionen Euro übernahm. Auch das Land Rheinland-Pfalz und die Stadt Trier beteiligten sich. Für die Liebfrauenkirche und den Dom gibt es eigene Führungen. Sie können über die Dom-Information gebucht werden; Telefon 0651/9790790. Die Kirche ist täglich geöffnet. aheu

Dieser Schirm im Altarraum weist die Liebfrauenkirche als Päpstliche Basilika Minor aus – ein Titel, den sie 1951 bekam. Weltweit gibt es laut Wikipedia 1639 Kirchen in diesem Rang. Liebfrauen erhielt ihn für die Verschiebung des Altars vom Ostchor ins Zentrum der Kirche – damit nahm die Pfarrei Bestrebungen des 2. Vatikanischen Konzils vorweg.
Dieser Schirm im Altarraum weist die Liebfrauenkirche als Päpstliche Basilika Minor aus – ein Titel, den sie 1951 bekam. Weltweit gibt es laut Wikipedia 1639 Kirchen in diesem Rang. Liebfrauen erhielt ihn für die Verschiebung des Altars vom Ostchor ins Zentrum der Kirche – damit nahm die Pfarrei Bestrebungen des 2. Vatikanischen Konzils vorweg. FOTO: (g_kultur
Anne Fesser-Konder zeigt Besuchern oft die Figuren an der Westfassade. Dass Petrus in der Mitte wirklich etwas mit dem früheren rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Rudolf Scharping zu tun hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Aber es gibt noch andere Wiedergänger.
Anne Fesser-Konder zeigt Besuchern oft die Figuren an der Westfassade. Dass Petrus in der Mitte wirklich etwas mit dem früheren rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Rudolf Scharping zu tun hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Aber es gibt noch andere Wiedergänger. FOTO: (g_kultur
Im Gewölbe an der Ostseite hoch oben Maria mit dem Strahlenkranz als apokalyptische Frau, darunter erzählen die nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffenen Fenster des französischen Künstlers Jacques Le Chevalier die Heilsgeschichte und tauchen den Raum in farbiges Licht. Nachdem die alten Fenster bei den Bombenangriffen auf Trier 1944 zerstört worden waren, übernahmen Franzosen nach dem Krieg Liebfrauen als ihre Garnisonskirche und trugen auf diese Weise zur Versöhnung bei. Die beiden großen Fenster über dem Westportal schuf Alois Stettner. TV-Fotos (6): Rita Heyen (5), Anne Heucher
Im Gewölbe an der Ostseite hoch oben Maria mit dem Strahlenkranz als apokalyptische Frau, darunter erzählen die nach dem Zweiten Weltkrieg neu geschaffenen Fenster des französischen Künstlers Jacques Le Chevalier die Heilsgeschichte und tauchen den Raum in farbiges Licht. Nachdem die alten Fenster bei den Bombenangriffen auf Trier 1944 zerstört worden waren, übernahmen Franzosen nach dem Krieg Liebfrauen als ihre Garnisonskirche und trugen auf diese Weise zur Versöhnung bei. Die beiden großen Fenster über dem Westportal schuf Alois Stettner. TV-Fotos (6): Rita Heyen (5), Anne Heucher FOTO: (g_kultur
Die fromme Adelheid von Besselich holte ihren Gatten Clas von Zerf nach seinem Tod aus der Verbannung zurück nach Trier. Der ehemalige Bürgermeister war ein Haudegen und soll in die Stadtkasse gegriffen haben. Adelheid stiftete Ende des 15. Jahrhunderts die Apostelbilder.
Die fromme Adelheid von Besselich holte ihren Gatten Clas von Zerf nach seinem Tod aus der Verbannung zurück nach Trier. Der ehemalige Bürgermeister war ein Haudegen und soll in die Stadtkasse gegriffen haben. Adelheid stiftete Ende des 15. Jahrhunderts die Apostelbilder. FOTO: (g_kultur
Von außen lässt sich der Grundriss einer Rose erahnen: In den Winkeln des gleichschenkligen Kreuzes liegen jeweils zwei Kapellen. Der quadratische Turm in der Mitte nimmt architektonisch Bezug zum Dom links. Im Nachbarhaus rechts wohnt der Bischof. Verbunden sind Liebfrauenkirche und Dom durch ein kleines Gebäude – Paradies genannt. In den 1960er Jahren gab es zeitweise Pläne für einen größeren Verbindungsbau. Architekten schlugen einen Tiefgaragenausgang für den Dom und den Abriss äußerer Kirchenwände vor. Der Weltkulturerbetitel, der so etwas verhindern würde, kam erst 1986.
Von außen lässt sich der Grundriss einer Rose erahnen: In den Winkeln des gleichschenkligen Kreuzes liegen jeweils zwei Kapellen. Der quadratische Turm in der Mitte nimmt architektonisch Bezug zum Dom links. Im Nachbarhaus rechts wohnt der Bischof. Verbunden sind Liebfrauenkirche und Dom durch ein kleines Gebäude – Paradies genannt. In den 1960er Jahren gab es zeitweise Pläne für einen größeren Verbindungsbau. Architekten schlugen einen Tiefgaragenausgang für den Dom und den Abriss äußerer Kirchenwände vor. Der Weltkulturerbetitel, der so etwas verhindern würde, kam erst 1986. FOTO: (g_kultur