1. Region
  2. Kultur

Weltkulturerbe: Volksfreund-Serie "Unser Weltkulturerbe": Wo die Römer der Flussgöttin Opfer brachten (Video/Fotostrecke)

Weltkulturerbe : Volksfreund-Serie "Unser Weltkulturerbe": Wo die Römer der Flussgöttin Opfer brachten (Video/Fotostrecke)

Die Römerbrücke ist nicht nur der älteste Brückenbau nördlich der Alpen. Sie war bis in die 1980er Jahre auch ein El Dorado für Schatzsucher. Noch immer vermuten Experten Millionen römischer Münzen im Flussbett. Denn über Jahrhunderte hinweg warfen Reisende Geldstücke übers Brückengeländer, um die Flussgöttin Mosella milde zu stimmen.

Es riecht nach Mosel, Herbst und Abgasen, der Lärm der wachsenden Großstadt umtobt die Römerbrücke. Müllwagen, Stadtbusse, LKW, röhrende Mofas, quietschende Fahrräder, Hunderte Autos. Noch immer wird die ab dem Jahr 144 nach Christus erbaute Brücke täglich von 14 500 Fahrzeugen überquert.

Unten im Fluss strömt ruhig und stetig das Wasser. Lautlos gleitet ein blaues Kanu auf jene wehrhaften dreiecksförmigen Pfeiler zu, die dort schon seit mehr als 18 Jahrhunderten stehen. Wie mag es hier ausgesehen haben, als die Brücke noch jung war?

Wilfried Knickrehm (70) lehnt am Brückengeländer und schaut in die Tiefe. Vor dem zweiten Pfeiler rostet ein Fahrrad im Fluss, am Ufer steht ein weißes Sofa im seichten Wasser. "Genau, wo das Sofa steht", sagt er und zeigt auf die Stelle. Genau dort hat er seine Leidenschaft für römische Geschichte entdeckt. Das war im Jahr 1971. Er arbeitete für die Bundeswehr und war mit seiner Familie gerade nach Trier gezogen, als er an jener Stelle vorbeikam. Der Teufel sei losgewesen. Wegen Schleusenarbeiten musste das Moselwasser abgelassen werden, bis zum zweiten Pfeiler war das Flussbett trockengefallen, und es herrschte Goldgräberstimmung. 50 Menschen buddelten im Moselkies.

Knickrehm beobachtete, wie sie glänzende Römer-Münzen herauszogen: Weil im erstaunlich harten Moselgrund kein Sauerstoff zirkuliert, sahen die Edelmetalle so gut wie neu aus. Profisucher, die mit Luftdruck ans Werk gingen, bargen bis zu 500 Stücke am Tag. Für ein paar DM verscherbelten sie ihre Funde entlang des nahen Radwegs an Passanten. Knickrehm krempelte an diesem Tag seine Hosenbeine hoch, grub selbst und fand seine erste Silbermünze. Sie zeigte Constantius II. Wenig später hielt er eine Kupfermünze mit dem Abbild Kaiser Neros in den Händen. Der Beginn einer Passion, die ihn seit 45 Jahren nicht loslässt.

Bis die Schatzsuche an der Römerbrücke 1981 verboten wurde, barg er rund 5000 silberne Denare, Messing-Sesterzen oder Kupfermünzen aus der Mosel. Und er sammelte so viel Wissen, dass er nach seiner Pensionierung für das Landesmuseum zehn Jahre lang im Minijob Münzen bestimmte. Obwohl bereits Zig-, vielleicht Hunderttausende antike Geldstücke geborgen wurden, ist Knickrehm überzeugt, dass im Fluss unterhalb der Römerbrücke weitere Millionen liegen.

Die Römer glaubten, dass in den Fluten Flussgötter lebten - im Rhein residierte demnach Rhenus, in der Mosel Mosella. Um sie zu besänftigen und um bessere Chancen auf eine gesunde Rückkehr zu haben, opferten Passanten eine Münze, wenn sie die Stadt verließen. "Reisen war in diesen Zeiten mit einem Risiko verbunden. Durch kleine Opfer versuchte man die Götter milde zu stimmen", sagt Stadtarchäologe Joachim Hupe. Ein Ritual, das am römischen Trevi-Brunnen bis heute lebt: Wirf über die Schulter eine Münze hinein, und es bringt Dir Glück, heißt es. Daran glauben offenbar viele: 2013 fischten Roms Beamte 1,2 Millionen Euro aus dem Brunnen.

Da die heutige Weltkulturerbestätte nicht der erste, sondern der dritte Brückenbau ist, hatten die Römer reichlich Zeit, Mosella mit Kupfer, Messing, Silber und Gold zu beschenken. Beim Hochrechnen wird einem geradezu schwindelig. Wenn nur 100 Menschen Trier täglich verließen und dabei je eine Münze opferten, so wären pro Jahr 36 500 glücksbringende Geldstücke übers Geländer geflogen und in 400 Jahren 14,6 Millionen.

Das alles ist natürlich Spekulation. Auch auf die Suche begeben darf man sich heute nicht mehr. Allerdings wäre unterhalb der heutigen Römerbrücke wohl der beste Ort dafür. Denn dort standen alle drei Brücken. Wurden sie doch im Abstand von wenigen Metern direkt nebeneinander errichtet: Die älteren Bauwerke nutzten die Arbeiter wahrscheinlich, um Baumaterial für die neueren heranzuschaffen.

Die erste Brücke entstand unter Kaiser Augustus um 17 bis 18 vor Christus, und sie ist untrennbar mit der Geburt Triers verbunden, da der Bau der Brücke und die Gründung der Stadt Augusta Treverorum Hand in Hand gingen. Der auf das Jahr 17 vor Christus datierte Querschnitt durch einen der Brückenpfähle gilt daher auch als Gründungsurkunde der Stadt. Dieses erste Bauwerk bestand nur aus Holz.

71 nach Christus wurde unter Vespasian wenige Meter oberhalb eine neue Steinpfeilerbrücke gebaut. Ihr Fundament bestand aus 1750 mächtigen Eichenpfählen, darüber eine Auflage aus Balken, auf der die steinernen Pfeiler ruhten. Auch diese zweite Moselquerung war nicht von Dauer.

Kaiser Antoninus Pius lässt ab dem Jahr 144 schließlich jene massive Steinbrücke errichten, deren Pfeiler noch heute der Mosel trotzen. Anders als ihre Vorgängerinnen wird sie direkt auf festem Fels gegründet. Um diesen freizulegen, wurden dort, wo nun die Pfeiler stehen, riesige Holzkästen mit doppelten Wänden hochgezogen. Die Zwischenräume verfüllte man mit Lehm, bis kein Wasser mehr eindringen konnte. Dann schachteten Arbeiter Schlamm und Kies aus, bis sie in etwa drei Metern Tiefe auf Fels stießen.

Laut Knickrehm wurden die präzise behauenen, fünf Tonnen schweren Basaltquader aus der Gegend von Andernach herbeigeschafft und die nicht minder großen Blausteinquader aus den Ardennen. Ohne Mörtel wurden sie mit großen Eisenklammern in den Baugruben so zusammengesetzt, dass sie bis heute halten. Flussaufwärts sind die Pfeiler dreiecksförmig, um herantreibende Eisschollen brechen zu können - die auf der Mosel früher öfter zu sehen waren als heute. Wie durch ein Wunder blieb die Brücke im Zweiten Weltkrieg heil, obwohl die Deutschen Sprengladungen angebracht hatten. Warum diese nicht detonierten, bleibt ein Rätsel.

Während die Pfeiler über fast zwei Jahrtausende nahezu unverändert blieben, wurde die steinerne Einwölbung, auf der heute die Straße liegt, im Mittelalter gebaut, in der Barockzeit restauriert und dabei um ein Kruzifix und eine Statue des Hl. Nikolaus bereichert. Zu Römerzeiten bestand die Fahrbahn noch aus Holz.

Seit 1986 trägt das Bauwerk den Unesco-Weltkulturerbetitel. Und weiterhin trägt es täglich 14 500 Autos. "Die Römer würden sich kaputtlachen über die blödsinnige Idee, die Brücke verkehrsfrei zu machen", sagt Knickrehm zu einem Beschluss des Trierer Stadtrates, der vorsieht, die Brücke "langfristig" für Autos zu sperren. Die Römer hätten sie doch extra so breit gebaut, dass mehrere Wagen aneinander vorbeipassen.

Wie mag es damals dort ausgesehen haben? Vielleicht roch es nach Mosel, Herbst und Abwasser, während die Geräusche der wachsenden Stadt Augusta Treverorum die Römerbrücke umtobten. Marschierende Soldaten, rumpelnde Pferdegespanne voller Amphoren mit Wein und Olivenöl, voller Gewürze und edler Stoffe, Bauern, die zu den Feldern auf der anderen Seite des Flusses gingen, Zöllner, die die Waren der Händler kontrollierten, spielende Kinder. Und während unten lautlos ein Weinschiff zwischen den wehrhaften Steinpfeilern hindurchglitt, warf womöglich ein Reisender eine Münze in die Mosel. Für die Flussgöttin. Für eine sichere Rückkehr über jene Brücke, die die Jahrtausende überdauerte.Extra

 Römisches Stadtmodell im Rheinischen Landesmuseum: Gleich hinter der Römerbrücke, auf die man einst durch ein Stadttor schritt, lagen die prächtigen Barbarathermen (Mitte rechts) und das Forum (hinten links).
Römisches Stadtmodell im Rheinischen Landesmuseum: Gleich hinter der Römerbrücke, auf die man einst durch ein Stadttor schritt, lagen die prächtigen Barbarathermen (Mitte rechts) und das Forum (hinten links). Foto: (g_kultur

Die Römerbrücke befindet sich laut Stadtverwaltung in einem kritischen Zustand (Note 3 auf einer Skala von 1 bis 4 ). Um die Schäden zu beheben, muss Trier mindestens fünf Millionen Euro ausgeben. Mauerwerk und Fugen von Pfeilern und Gewölbe müssen denkmalgerecht saniert werden. Sowohl die Betonstützen zwischen Gewölbe und Fahrbahn müssen instand gesetzt werden als auch die Fahrbahnplatte selbst. Zudem sollen Fahrbahnübergänge, Geländer und Beleuchtung erneuert werden. Genaue Kosten stehen erst fest, wenn Fachleute zwischen 2017 und 2019 Schadensanalyse und Sanierungskonzept vorlegen. Mos