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Vom Ende der Gewissheiten: Finale des Mosel-Musikfestivals in der Konstantin-Basilika in Trier

Dirigent Martin Bambauer vor seinem Orchester.
Dirigent Martin Bambauer vor seinem Orchester. FOTO: Martin Möller
Trier. Beeindruckend: Mit Max Reger, Mendelssohn und Albert Becker wird das Mosel-Musikfestival fulminant abgeschlossen. Martin Möller

Es war, als würde in Triers Konstantin-Basilika der Klang explodieren. Wenn der gut 100-köpfige Chor im zweiten Satz von Max Regers "100. Psalm" den Namen Gottes aussingt, dann überfällt ein überraschendes, ein erschreckendes, dreifaches Fortissimo die knapp 1000 Hörer. Es ist ein elementarer Moment. Die Macht des Allmächtigen kommt nicht geschönt und zuckersüß daher, sondern mit einer kompromisslosen, wahrhaft alttestamentarischen Härte.

Regers Psalmvertonung war der Höhepunkt im Abschlusskonzert des Mosel-Musikfestivals. Es ist Musik von einer Gewalt, die den Atem verschlägt. Das Werk wurde sicherlich nicht perfekt realisiert. Immer wieder geht in den Chor-Mittelstimmen und stellenweise auch in den Streichern des Philharmonischen Orchesters die notwendige Präsenz verloren, bleiben in der heiklen Finale-Doppelfuge die Einsätze unscharf.

Aber Dirigent Martin Bambauer steuert die Aufführung mit ruhigem, rundem Schlag durch die Klippen der Partitur. Das Philharmonische Orchester bleibt sängerfreundlich zurückhaltend und greift nur in einigen Höhepunkten zum heftigen Forte. Bach-Chor (Martin Bambauer), Domchor (Thomas Kiefer) und Vokalensemble St. Paulin (Volker Krebs) schließlich kämpfen sich durch das Dickicht der Töne und finden im harmonischen Labyrinth Regers den emotional überzeugenden Weg.

Ja, diese Musik ist gewaltsam, und die Unsicherheit der Ausführenden ist bei ihr mitkomponiert. Regers "schweifende" Harmonik mit ihren raschen Akkordwechseln bleibt ohne Fundament. Sie zieht Interpreten und Hörern den Boden weg. Mitten im Jubel verbreitet die Komposition Schrecken und ausgeprägte Haltlosigkeit. Reger repräsentiert zu Anfang des 20. Jahrhunderts schon die Moderne. Seine Psalmvertonung verkündet das Ende aller Gewissheiten. Und vielleicht klingt im überlauten und über-euphorischen Tonfall der Komposition schon die Vorahnung der kommenden Katastrophen mit.

Wie blass fällt nach dem Reger-Erlebnis die Erinnerung an Albert Becker aus! Dabei gibt es guten Grund zur Gerechtigkeit im Umgang mit dieser Musik, die noch ganz zum 19. Jahrhundert gehört. Becker löst mit großem Geschick die heikle Aufgabe, aus den vier Strophen des Luther-Choral "Ein feste Burg" eine ganze Kantate zu formen. Der Choral bleibt Mittelpunkt, aber um ihn herum versammelt der Komponist zahlreiche Ergänzungen. Die weiten die Perspektive, die im Choral angelegt ist, deuten ihn, vertiefen ihn emotional. Und in den Arien, die sämtlich gezielt knapp, manchmal fast aphoristisch ausfallen, zeigt sich ein untrügliches Formgefühl.

Beckers Tonsprache ist kantabel und dabei oft sehr bildkräftig. Und, immerhin: Der Komponist greift zurück auf die Urfassungen der Choräle, gibt dem Lied "Aus tiefer Not" seinen kirchentonalen Charakter zurück und der "festen Burg" den tänzerischen Rhythmus. Die Ausführung freilich hatte zeitweise etwas Halbes, Unentschiedenes. Ganz im Gegensatz zum ersten, strahlend hellen Choreinsatz bei Reger blieb der Chorklang merkwürdig diffus, klang die schöne Doppelfuge gegen Ende beinahe wie eine Pflichtübung.

Dass indes ein Chor, der Reger über die Runden bringt, auch bei Becker nicht aufgibt, versteht sich. Und das Orchester gab der Instrumentation einen warmen, von Klarinetten geprägten Glanz mit, blieb freilich meist ohne echtes Piano.

Für die kultivierte und engagierte Sopranistin Sabine Zimmermann waren das schlechte Voraussetzungen. Sie erwies sich denn auch in der Lautstärke als Fehlbesetzung. David John Pike Bass dagegen verkündet seine Botschaften aus Altem und Neuem Testament mit seherischer Wucht und prägnanter Diktion. Altistin Dagmar Linde schließlich absolvierte ihren kurzen Auftritt im Duett mit der Sopranistin tadellos.

Eingeleitet wurde das Konzert mit dem Finale aus Mendelssohns Reformations-Sinfonie. Rückblickend erwies sie sich als das schwächste Komposition des Abends. Bei (für dieses Werk) unterbesetzten Streichern dominierten die Bläser zu auffällig. Der ruhig und sachlich koordinierende Dirigent Martin Bambauer konnte zudem gegen den akademischen Tonfall des Fugatos wenig ausrichten.

Vielleicht sollte diese Sinfonie tatsächlich ein Fall für Spezialensembles werden.