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Literatur
Vom lieben Gott und anderen Teufeln

Junge Liebe zwischen Trümmern Hans Fallada Cover
Junge Liebe zwischen Trümmern Hans Fallada Cover FOTO: Verlag / TV
Ich glaube nicht daran, dass man ein Schriftsteller wird, sondern dass man einer ist, vom Beginn des Lebens an. Es kann sehr lange dauern, bis man es erkennt, ich zum Beispiel war 37 Jahre alt, als ich meinen ersten richtigen Roman schrieb.“ Es ist ein Bekenntnis aus der Rede an „Meine lieben jungen Freunde“, in denen er den Klassenkameraden seines Sohnes Uli Einblicke in seine schriftstellerische Werkstatt gewährt.

Der Text entstand im Dezember 1946, wenige Wochen vor Falladas Tod. Bis dahin hatte der Autor neben seinen großen, sehr umfänglichen Romanen unzählige Kurzgeschichten, Skizzen und persönliche Beobachtungen zu Papier gebracht, manchmal nur zwei bis drei Seiten, manche bis zu 30, 40 Seiten lang.

So unterschiedlich das Format, so unterschiedlich auch die Themen im jetzt von Peter Walther herausgegebenen Band „Junge Liebe zwischen Trümmern“ mit insgesamt 13 bislang unveröffentlichten Kurzgeschichten. Sie reichen von persönlichen Erfahrungen („Warnung vor Büchern“) bis hin zu märchenhaften Erzählungen wie die von dem Bauern, der einen Pakt mit dem lieben Gott schließt, damit seine Felder vom Unkraut verschont bleiben („Märchen vom Unkraut“).

Doch der wackere Landwirt merkt schnell, dass er sich da auf einen wahrhaft teuflischen Kontrakt eingelassen hat, denn fortan weht der Wind um seine Äcker herum, die Vögel meiden seine Feldfrüchte, und auch das Brunnenwasser versiegt mit der Zeit, weil „alles, was in der Erde kriecht und wühlt“, einen Bogen um seinen Besitz macht – und ihn schließlich ins Verderben stürzt.

Einen seiner Protagonisten lässt Fallada als Kriegsurlauber in sein Heimatdorf zurückkehren; einen Arm hat dieser Kurt Brasch im Einsatz verloren, und jetzt hadert er, ein nicht nur am Körper, sondern vor allem an der Seele Versehrter, mit der Mutter und den Mädchen, deren Mitleid er „zum Kotzen“ findet („Genesenden-Urlaub“).

Derselbe Kurt Brasch taucht schon eine Geschichte weiter wieder auf, wo er eine grotesk-traurige Begegnung mit Peter Paul Rubens hat („Der Maler“), einem dementen alten Mann, der von einer jungen hübschen Frau gepflegt wird, die er für Hélène Fourment, die zweite Frau des Niederländers, hält. Solange er Rubens ist, sei er ganz glücklich, erklärt die junge Frau ihrem Gast, und wenn er das nicht ist, bekommt er „Schlafmittel, bis er ruhig aufwacht und seinen Traum weiterträumt“. Die Flucht in den Rausch und Scheinwirklichkeiten – sie sind ein Leitmotiv auch in Falladas Leben.

Quasi eine Studie zu Falladas autobiographischem Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ ist „Der Strafentlassene“, in dem die Schwierigkeiten skizziert werden, mit denen ein Ex-Häftling im Alltag jenseits der vergitterten Fenster konfrontiert wird und angesichts deren das Leben im Knast auf einmal ganz einfach und unkompliziert erscheint

Am anrührendsten ist die Titelgeschichte „Junge Liebe zwischen Trümmern“, entstanden 1945, ebenfalls eine Erstveröffentlichung und eine Art Zusammenfassung von Falladas 13 Jahre zuvor erschienenem populärstem Roman „Kleiner Mann, was nun“.

Genau wie Johannes Pinneberg und sein „Lämmchen“ erleben die hier namenlosen Protagonisten eine feindselige Umwelt, dieses Mal nicht vor dem, sondern mitten im Krieg; eine Welt, in der sie sich und ihr kleines Glück trotz aller widrigen Umstände zu verteidigen gewillt sind. Und in ihrer kalten, zugigen, mit ausrangierten Möbeln notdürftig eingerichteten Einzimmerwohnung herrscht ein unverbrüchlicher Optimismus auf bessere Zeiten.

„Sie haben ja nur dieses eine Leben“, lauten die letzten Sätze. „Man kann gar nicht früh genug anfangen, es mit Liebe und Glück zu erfüllen.“ Ein Ziel, an dem der Urheber dieser Geschichte jämmerlich und tragisch gescheitert ist.

Rainer Nolden

Hans Fallada, „Junge Liebe zwischen Trümmern“, Aufbau Verlag 2018, 298 Seiten, 20 Euro