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Vom Pochen des Schicksals

Vom Pochen des Schicksals

Fast 400 Chorsänger, knapp 100 Orchestermusiker, ein außergewöhnliches Werk in einem besonderen Ambiente und zu einem ganz speziellen Anlass: Mahlers 2. Sinfonie in der Trierer Arena im Rahmenprogramm der Heilig-Rock-Wallfahrt wurde vor 1500 Zuschauern zum Erlebnis.

Trier. Die Sache ist nicht so einfach mit Mahlers Zweiter. Gegen den Willen ihres Komponisten hat man sie "Auferstehungs"-Sinfonie getauft, wegen des gleichnamigen Klopstock-Gedichts im letzten Satz. Und allzugern interpretiert man sie als Soundtrack zu einer frommen Geschichte: Ein Mensch stirbt in einem schmerzhaften Prozess, die Erinnerung geht zurück an bestimmte Lebensstationen, und am Ende wird ihm das ewige Leben prophezeit: "Auferstehn wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh!".
Mahler stand dem Betrachten seiner Werke als "unsichtbares Theater" immer skeptisch gegenüber. Und trotzdem spielen viele Dirigenten gerade bei der 2. Sinfonie gerne Kopfkino, zeichnen überlebensgroße Bilder in Cinemascope, setzen auf Effekt statt auf Durchdringung.
Fabrice Bollon am Pult der Deutschen Radiophilharmonie geht die Sache anders an. Präzision, Spannung, Finesse stehen im Mittelpunkt seines Dirigats. Da passiert was zwischen den Instrumentengruppen. Die acht Kontrabässe spielen mit einem Engagement, als ginge es um ihre eigene Erlösung, die Hornisten entwickeln ein regelrechtes Zartgefühl für die Partitur, die acht Schlagzeuger leisten Millimeter arbeit. Querflöte und Solo-Geige spielen sich gegenseitig die Bälle zu - ein federleichter Moment, mitten hinein getupft in das Pochen des Schicksals, das im nächsten Moment wieder den Ton angibt.
Mahlers Sinfonie ist brutal in ihren Stimmungsschwankungen, und Bollon ebnet die Kontraste nicht ein, sondern schärft sie. Der erste Satz: ein mitreißendes Erlebnis, das in den zweiten und dritten hineinwirkt, wo selbst den folkloristischen Ländler-Elementen und dem Scherzo stets ein Moment des Zweifels, der Melancholie innewohnt. Der Interpretationsansatz wirkt nie beliebig, sondern rundum durchdacht, auch in der aufgerauhten, teils fast ruppigen Stimmung im ersten Teil des fünften Satzes.
Und dann steigt zum Finale der Chor ein, erstaunlich homogen im Klangbild und sicher in den Einsätzen - immerhin sind hier Sänger unterschiedlicher Trierer Chöre in extrem knapper Probenzeit (von Robert Sund) zusammengeführt worden. Natürlich kann man das "Auferstehn wirst Du" anfangs noch exponierter in den Raum hineinflüstern, und die Wucht bei der Erlösungsapotheose wäre noch durchschlagskräftiger denkbar. Aber im Kern passt ein Stück Zurückhaltung gut zu der Gesamtlesart, die das aufgesetzt Sakrale meidet - selbst die Glocken klingen hier mehr nach Schmiede als nach Kirchturm.
Im Dienst des Wortes



Auf dieser Linie liegen auch die Solistinnen, vorneweg Lioba Braun, die ihren klangvollen, gänzlich tremolo-freien, brillant geführten Alt ganz in den Dienst des Wortes stellt. Auch Sibylla Rubens singt ohne Fehl und Tadel, schwingt sich mit ihrem Sopran unverstärkt ohne Schwierigkeiten über Chor und Orchester.
Erstaunlich: der exzellente Klang, der zumindest den erhöht sitzenden Zuschauern auf der Tribüne den Genuss auch der feinsten Piani verschafft. Das hätte nicht jeder der Arena zugetraut, die sich auch optisch mit schwarzen Vorhängen und einem abgehängten Bühnendach einem Konzertsaal zumindest atmosphärisch angenähert hat.
Am Ende langer, stehend dargebrachter Beifall. Schade nur, dass es gerade bei einem derart interpretationswürdigen Werk kein dem Anlass angemessenes Programmheft gab.