Vom Selbstporträt zum Selfie

Vom Selbstporträt zum Selfie

Trier ist mehr als eine Römerstadt. Neben der Porta und dem Amphittheater gibt es noch jede Menge moderne Kunst. Manches Werk ist allerdings ziemlich versteckt und unbekannt. Das wollen Universität, Hochschule und Europäische Kunstakademie ändern.

Trier. Porta Nigra, Amphitheater, Dom, Liebfrauenkirche. Die Trie rer Innenstadt hat optisch einiges zu bieten, nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische und Zugezogene. Allen diesen Sehenswürdigkeiten sind wenige Attribute gemein, sie sind groß, steinern und vor allem antik. Deutschlands älteste Stadt scheint vor moderner Kunst gefeit. Ganz und gar nicht, weiß Gabriele Lohberg. Die 62-Jährige ist Leiterin der Europäischen Kunstakademie (EKA) und seit dem Wintersemester 2013/14 zudem Leiterin eines Projektes, das sich den neueren Stücken der Trierer Kunstszene widmet. Das Projekt, das Universität und Hochschule gleichermaßen beschäftigt und von der Nikolaus Koch-Stiftung gefördert wird, widmet sich Kunstwerken im öffentlichen Raum, die nach 1945 entstanden sind.
Draußen und frei zugänglich


"Wir haben uns für Kunst entschieden, die draußen ist und frei zugänglich, die man also auch nachts und am Wochenende sehen kann", erklärt Lohberg.
Die 24-jährige Studentin Justina Heinz hat das Projekt begleitet und die Kunstwerke geordnet, zusammengetragen und fotografiert. "In Trier gibt es ganz unterschiedliche Kategorien von moderner Kunst", sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der EKA, "Skulpturarbeiten, Installationen, Graffiti, Brunnen, Denkmale wie die Stolpersteine oder ganze Kunstlandschaften, wie die am Petrisberg."
Das Ganze soll aber nicht nur rein wissenschaftlichen Charakter haben. Gemeinsam mit Hochschulstudenten des Fachbereichs Gestaltung entwickelt Dozent Marcus Haberkorn (42) eine Internetseite auf der die Kunstwerke gesammelt, bebildert und erklärt werden. Und mehr: "Mithilfe der Webseite sollen sich Touristen und Interessierte Besichtigungsrouten zusammenstellen können", erklärt der Fachbereichsleiter. Jemand ruft die Seite über sein Handy auf, gibt seinen Standort ein und lässt sich die nächstgelegenen Objekte als Führung zusammenstellen. Am Objekt angekommen, kann der Eintrag auf der Seite abgerufen werden. Während der kommenden Illuminale wird die Führung erstmals einem breiten Publikum vorgestellt.
Künftige Aktion


Ein breites Publikum soll auch durch eine zukünftige Aktion angesprochen werden: "Wir möchten eine Selfie-Aktion starten, an der sich alle Trierer beteiligen können", sagt Haberkorn. "Leute können uns ihre Selfies mit einem der Werke zuschicken, wir sammeln diese und erstellen als Endergebnis eine virtuelle Ausstellung mit den zugeschickten Bildern", erklärt Lohberg weiter.
Ziel der Aktion soll nicht nur sein, eine größere Aufmerksamkeit für das gemeinsame Projekt zu erlangen, sondern auch ein Bewusstsein für das vielfältige kulturelle Angebot in Trier zu schaffen. "Die Leute sollen genauer hinschauen, was es hier alles gibt. das schafft eine Identifikation mit der Stadt", sagt Haberkorn. "Oft entwickelt man in einer Stadt eine Art ‚Lieblingsplatz', das kann aber auch eine Skulptur oder sogar ein Graffitobild sein. Das schafft einen neuen Blickwinkel auf die Stadt, es gibt hier mehr als die Porta und das gewohnte Bild von Trier." In Trier gebe es zudem wenig Konzepte für die modernen Stücke, meint Heinz, Ausnahmen seien der Unicampus und der Petrisberg. Die Stücke in der Innenstadt seien kaum in Szene gesetzt, da könne die Stadt noch etwas tun. "Man merkt in den letzten Jahren, dass sich flüchtige Projekte mit Eventcharakter anscheinend besser vermarkten lassen, als festen Installationen", meint Haberkorn. "Die zeitliche Knappheit, die bei einem Event entsteht, ist für viele reizvoller, als eine Skulptur, die immer da ist und die man potenziell jeden Tag sehen kann", führt er aus. "Was aber nicht heißt, dass das eine wertvoller ist als das andere", sagt Lohberg. Beides sei wichtig für das Gesicht einer Stadt, Orte zu denen man immer wieder gehen kann, und auf der anderen Seite das Kunstwerk als Party, bei der man eben auch die Atmosphäre und die Gesellschaft genießt. Man sei auch beim Thema Kunst in der Erlebniskultur angekommen, sagt Haberkorn, die Leute wollen so einen Bezug zu den Werken herstellen. "Um feste Installationen, wie Skulpturen zu einem Erlebnis zu machen, können auch diese Selfies dienen", sagt Lohberg. Es gehe eben darum, etwas mit dem Kunstwerk zu verbinden, und das könne auch ein gemeinsames Foto sein.Extra

Es sind alltägliche Dinge, die das Mainzer Künstlerduo Polybros auf dem Petrisberg zu einem Kunstwerk zusammengestellt hat. Darunter Klapp stühle, Lampenschirme, Staubsauger oder auch ein halbes Fahrrad. Alles "abgelegte, ausrangierte, aussortierte, dysfunktionale Objekte", die durch den neuen Kontext zu formgebenden Objekten in der Kunst werden. Am Schluß wurde alles noch mit weißer Farbe besprüht, die die einzelnen Objekte zu einem Gesamt-Kunstwerk zusammenfügen soll. Die Enstehung ließ sich vom 7. bis 12. September 2015 live miteerleben. Das Werk ist begehbar und soll dem Betrachter seinen eigenen Umgang mit Dingen in der modernen Wegwerfkultur vor Augen führen. Auftraggeber war der Trierer Verein Kunstdünger. sbra/red In unserer neuen Serie Kultur-Orte stellen wir in loser Reihenfolge Kunstwerke nach 1945 in Trier vor.

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