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Vom Superhelden zum Rumpelstilzchen

Vom Superhelden zum Rumpelstilzchen

Triers berühmtester Sohn als Comic held: Corinne Maier und Anne Simon machen Karl Marx\' Biografie zum Thema einer Graphic Novel, einer Bildergeschichte. Dabei setzen die beiden vor allem auf ironische Distanz.

Trier. Ein Gespenst geht um in Europa. Es trägt in diesem besonderen Falle einen schwarzen Ganzkörperstretchanzug und einen roten Umhang. Es hat viel Bart. Es ist eigentlich kein Gespenst, es ist Marxman, wie wir ihn nennen wollen, verbissener Kämpfer für die Gerechtigkeit, erbitterter Feind aller Ausbeuter und Unterdrücker. Er fliegt gleich durch die erste Seite und propagiert den "Tod des Kapitalismus", die "Befreiung der Menschheit" und selbstverständlich die "Revolution". Er sieht verdammt entschlossen aus.
Marxman wird immer mal wieder durchs Buch flattern, es ist sein Buch, denn es geht um sein Leben. Als Karl Marx (1818-1883) hat er versucht, als Journalist, Philosoph und Ökonom, Funktionär und Revolutionär mit seinen theoretischen Überlegungen die Welt zu verändern, ach mehr noch, die Welt aus den Angeln zu heben. Ihm war die Sache sehr ernst, mit allen nahm er es auf, ein Superheld im Dienste der Menschen. Nicht umsonst darf er in seiner Comic-Biografie von Corinne Maier und Anne Simon ab und zu das Superheldenkostüm tragen. Es steht ihm nicht besonders, aber das scheint den beiden Damen durchaus erwünscht, denn sie machen sich so ihren Spaß mit diesem Herren. Superheldengeschichten sehen jedenfalls anders aus.
Ihr Marx zeigt sich als sonderbares Männlein, das urplötzlich zum Rumpelstilzchen werden kann. Dann wird gemotzt und geschrien oder an einer Bombe gezündelt. Er hat es aber auch nicht leicht, eine Existenz als steter Kampf - gegen Kritiker und Kapitalisten, das eigene Schicksal mit Geldmangel, Krankheit und frühem Tod von vier Kindern, Selbstzweifel. Eine extreme Achterbahnfahrt zwischen Euphorie und Depression, historischem Sieg und persönlicher Niederlage: "Wer bin ich? Was wird aus mir?", fragt sich der Jura-Student 1836, den es mehr zu Philosophie und Geschichte zieht. "Der wahre Boss bin ich", betont der Führer der Ersten Internationale 1864. "Ich leite ein multinationales Unternehmen!" "Nichts läuft so, wie es soll", bemerkt der arbeitswütige Agitator um 1875.
Neben diesem psychologischen Aspekt interessieren sich die französische Autorin Maier, bekannt durch ihre Streitschrift "Die Entdeckung der Faulheit" als Antwort auf die moderne Arbeitswelt, und die französische Illustratorin Simon vor allem für die wichtigsten biografischen Stationen. Da fehlt nichts an Fakten (Geburt in Trier, Studium in Bonn und Berlin, die Hochzeit, die Zeitungen, die Arbeiterorganisationen, die temporären Heimatstädte Paris, Brüssel, London, das uneheliche Kind mit der Haushälterin), auch nichts an Köpfen (Hegel, Feuerbach, Engels, Heine, Bakunin, Liebknecht).
Auf die politisch-ökonomischen Theorien und Hauptwerke wird im möglichen Rahmen eingegangen. Manchmal ist sogar Platz für eine schematische Darstellung mit dem Marx\'schen Grundvokabular aus Ware, Lohn, Profit, Akkumulation, Konkurrenz, Ausbeutung ("Der Kapitalismus und wie er funktioniert") oder für einen Ausflug in die klassenlose Gesellschaft - ein strahlend helles, buntes Hippie-Paradies, regiert von Frieden, Freundschaft und Solidarität, Liebe, Tauschhandel und der Freiheit zu Feten und Faulheit.Historisch korrekt


"Marx - Die Graphic Novel" ist eine historisch korrekte, aber politisch inkorrekte Darstellung, die auf ironische Distanz baut und kleinteilige, reduzierte Panels, in denen der bärtige Dickschädel schon mal einen, pardon, Arschtritt bekommt. Corinne Maier erzählt in sympathisch lakonischer, respektloser Weise, Anne Simon zeichnet dazu sehr lebendig, die Personen bleiben stark abstrahiert, sie verzichtet auf Schatten und dekorative Hintergründe, nutzt flächige Farben und Schraffuren, favorisiert eine einfache Symbolik. Ihr Stil ist beeinflusst von der Ligne Claire, von politischer Karikatur und humoristischem Cartoon.
Maiers Wort und Simons Strich komplettieren sich zu einem sehr kurzweiligen Superheldencomic, der gar keiner ist, da kann Marxman mit dem Umhang wedeln, wie er will. Was die von ihm forcierte kommunistische Revolution angerichtet hat, registriert er mit einem doppelseitigen Für und Wider. Er ist mittlerweile in der Gegenwart angekommen, ein Streitgespräch mit einem Protokapitalisten verhandelt seine alten Themen unter neuen Bedingungen. "Der Kampf geht weiter", brüllt der nimmermüde Superheld noch, schwingt den Säbel - und ein Ende mit Fragezeichen.
Corinne Maier, Anne Simon: "Marx - Die Graphic Novel", Knesebeck Verlag, 64 Seiten, 19,95 Euro