Vom Wegsehen und Nachfragen

Mit dem Stück "Täterenkel" versucht das Trierer TheaterUmriss eine Annäherung an die deutsche Erinnerungskultur zum Holocaust. Im Fokus stehen die Täter-, Opfer- und Enkelperspektive - mit sehr persönlichen Momenten.

Trier. Eine Blackbox mit gespannten Wäscheleinen, an denen viel Text hängt, bietet Schauspieler Niels Wehr den Rahmen für seine Suche nach den Ursachen und Hintergründen des Holocaust. Er fragt Oma und Opa beim Nachmittagskaffee: "Wie hat sich das auf der Straße angefühlt, als die Juden nicht mehr da waren? Das muss euch doch aufgefallen sein." Als Antwort erhält er nichts Greifbares, das übliche Blabla. Er hakt nicht nach.

So wie diesem Enkel mag es einer ganzen Enkelgeneration gehen. Aus den Problemen mit der Aufarbeitung des Holocaust, aus vielen Fragen und wenigen Antworten hat das Trierer TheaterUmriss ein Theaterstück gemacht. Roman Schmitz (Regie) und Hannah Speicher (Dramaturgie) konstruieren aus einer akademischen Recherche einen spannenden und eindrücklichen Theaterabend aus dem Blickwinkel der Enkel, der den Zuschauern kurzweilig und fesselnd die eigenen Grenzen aufzeigt.

Nachdem Oma und Opa nicht antworten wollen, nicht antworten können, müssen im Stück andere Quellen her. Der Enkel will es doch wissen. Alles und möglichst umfassend. Versetzt sich in den KZ-Alltag, rezitiert einen Bericht über den Winter, Hunger, Krankheiten im Lager. Und versteht es nicht, weil die Situation mit Nichts vergleichbar ist.

Niemand will niemandem wehtun



Besonders dicht wird die Ermittlung, wenn im Telefonat der Enkel den Vater zur Rede stellt, warum er den Großvater nicht als Verbrecher bezeichnen will. Gegenseitige Schuldzuweisungen münden psychologisch kunstvoll in gegenseitigen Entschuldigungen. Symptomatisch für die Aufarbeitung des Holocaust, behaupten die Theatermacher. Niemand will niemandem wehtun beim gemütlichen Familientreffen.

Auch Niels Wehr nicht, der beteuert: "Oma, ich glaube dir ja, dass du nichts gewusst hast von Auschwitz. Aber warum wehrst du dich so sehr gegen das traurige Gefühl beim Gedanken daran, dass es passiert ist?"

Die nächsten Vorstellungen: 12., 14., und 15. Mai jeweils um 20 Uhr im Kulturgut am Domfreihof.

Hintergrund

Täterenkel ist eine Ableitung aus dem 2003 zum Unwort des Jahres gewählten Begriff des "Tätervolks", der in der Debatte um Kollektivschuld der deutschen Bevölkerung auch von Rechtsextremen diffamierend für das jüdische Volk in Israel gebraucht wurde.

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