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Von der Lust am Seelenschmerz

Von der Lust am Seelenschmerz

Einen Festtag hat die portugiesische Fado-Sängerin Mariza den über 1000 Zuschauern in der Luxemburger Philharmonie bereitet. Ihre außergewöhnliche Stimme und ihr Charisma bei der Interpretation des mystischen Gesanges sorgten für Begeisterungsstürme.

Luxemburg. Als Mariza am Freitagabend auf die abgedunkelte Bühne der Luxemburger Philharmonie schreitet, geht ein Raunen durch den ausverkauften Saal. Beeindruckend groß und gertenschlank ist der portugiesische Weltmusik-Star mit den wasserstoffblonden kurzen Haaren. Eine folkloristisch anmutende, paillettenbesetzte schwarze Robe und Plateauschuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen verstärken diesen Eindruck fast bis ins Surreale.
Mariza weiß sich zu inszenieren, flirtet auf Portugiesisch und Französisch mit dem Publikum. Zum wiederholten Mal gastiert die 39-jährige Portugiesin im kleinen Ländchen, die große portugiesische Gemeinde und viele andere Bewunderer danken es ihr mit Enthusiasmus.
Als Marisa dos Reis Nunes in der ehemaligen Kolonie Mosambik geboren, siedelt die Tochter einer Afrikanerin und eines Portugiesen im Alter von drei Jahren nach Lissabon über, in die Wiege des Fado, den maurischen Stadtteil Mouraria. Dort singt das kleine Mädchen für die Gäste im Restaurant ihres Vaters und legt den Grundstein für eine Weltkarriere, die nun schon über 15 Jahre andauert. In ihrem neuen Programm besinnt sie sich - nach jazzigen und poppigen Interpretationen - auf die Wurzeln des Fado, einer Musik, die wie keine andere die sentimentalen Gefühle und den Zusammenhalt der einst großen Seefahrernation ausdrückt und in Krisenzeiten Halt gibt. Die Lieder künden von Seelenschmerz, unerfüllter Liebe, Sehnsucht und Hoffnung.
Weltschmerz ohne Schwermut


"Saudade", frei als Weltschmerz übersetzt, durchzieht die Texte und Melodien des Fado, des Schicksals. Bei Mariza klingt das aber nie schwermütig, sondern fröhlich und augenzwinkernd, manchmal sogar lustvoll. Ihre sensationelle Stimme, die nach Heirat und Babypause nochmals gereift ist, trägt das Konzert, sicher im A-cappella-Modus, klar und ausdrucksvoll bei den leisen Tönen und immer dominierend in der Interaktion mit ihren formidablen Begleitern Antonio Neto (portugiesische Gitarre), Pedro Joia (akustische Gitarre), Nando Araujo (Bass) und dem virtuosen Vicky Marques am Schlagwerk.
Bewegend sind die Lieder, als Bühnendeko reichen einige Stoffbahnen im Hintergrund, auf die mystische Lichtstimmungen projiziert werden. Als Mutter sei sie nun "ein kompletter Mensch", sagt sie - eine komplette Künstlerin ist sie sowieso. Als sie bei der zweiten Zugabe "Gente de Minha Terra" zu ihren Leuten ins Publikum geht und Hunderte Hände schüttelt, kennt der Jubel keine Grenzen mehr, so manche Träne fließt. Ein großer, berührender Abend! DT